Archiv für die Kategorie „Südamerikareise“

Kapitulation vor der südamerikanischen Bürokratie

Dienstag, 11. Oktober 2011

Es war mir ein bisschen zuwider, nach Bolivien zu fliegen, nur um mein Auto nach Chile zu fahren, wo es aus zolltechnischen Gründen bis Mitte November sein muss. Keine Ahnung warum, es ist ja schliesslich mein Auto. Aber das hatte ich mir auf meiner Reise längst abgewöhnt, nach Gründen für bürokratische Vorschriften zu fragen. Deshalb war ich froh um den Tipp der Schweizer Botschaft in Bolivien, die mir riet, es durch einen Fahrer überführen zu lassen und auch gleich einen empfehlen konnte: Aldo Rezzonico, ein Schweizer, der in La Paz Jeeps vermietet.

Wir waren uns schnell einig und Aldo wollte die für die Überführung nötigen Papiere besorgen. Dazu musste ich ihm die Originalautopapiere und eine unterschriebene Fotokopie meines Passes schicken. Eva, die Hotelmanagerin aus Sucre, hat unterdessen noch ihren Anwalt gefragt und von ihm eine Vollmacht aufsetzten lassen, die ich auf der bolivianischen Botschaft beglaubigen lassen sollte. So hatte ich mir gedacht, hätte Aldos Chauffeur zwei Papiere und eines davon würde dann hoffentlich vom Zoll akzeptiert werden. Sicherheitshalber habe ich noch auf der chilenischen Botschaft und dem bolivianischen Konsulat angerufen.

Auf dem chilenischen Konsulat meinte mein Gesprächspartner, das sei ein sehr komplizierter Fall, ich müsse in der Botschaft nachfragen. Dann hat er mir noch viel Glück gewünscht. Ich nehme an, er hat das nicht ironisch gemeint, aber ich hätte wirklich eine grosse Portion Glück gebraucht. Bei der chilenischen Botschaft habe ich gar niemanden erreicht, habe tagelang unzählige Male vergebens angerufen und auch auf meine Mails keine Antwort bekommen. Und auf dem bolivianischen Konsulat war die Dame auch nicht gerade hilfsbereit, sagte bloss immer wieder: „Das ist nicht möglich.“ Auf meine Frage, was ich denn tun könne, damit mein Auto nach Chile komme, antwortete sie: „Werden sie gesund und fahren sie selber.“ Und wenn ich jetzt tot wäre, wollte ich von ihr wissen. Darauf meinte sie: „Das wäre denen vollkommen egal, dann würde ihr Auto eben in Bolivien stehen bleiben.“ Schlussendlich gab sie zu, dass ich es mit einer beglaubigten Vollmacht versuchen könne, aber ohne Garantie, dass die vom Zoll akzeptiert würde.

Unterdessen hat Aldo sich noch auf der chilenischen Botschaft in Bolivien erkundigt. Das Resultat dieser Unterredung bedeutete das „Aus“ für meinen Plan. Denn wie hätte ich wissen sollen, was in einer Vollmacht zu stehen hat, damit diese vom chilenischen Zoll akzeptiert wird? Ausserdem hätte die Vollmacht noch auf der chilenischen Botschaft, dem bolivianischen Konsulat und von einem Notar beglaubigt werden müssen. Dazu reicht die Zeit einfach nicht mehr. Und ich glaube nun der Angestellten, die mir gesagt hat, es sei unmöglich. So fliege ich jetzt selber mit gemischten Gefühlen nach Bolivien: einerseits freue mich meine Freunde in Sucre wieder zu sehen und in Arica noch drei Tage Badeurlaub zu machen, aber mir graut ein bisschen vor der langen Fahrt, ganz alleine, ohne Tatezi.

Jeep Compass

Mein Auto – Grund für viel Freude und Ärger

Fantasien

Sonntag, 28. August 2011

Als Kind habe ich immer behauptet, im Spital vertauscht worden zu sein und in Wirklichkeit das Kind Fahrender und nicht meiner Eltern zu sein. Und das, obwohl mein Äusseres mich ohne jeden Zweifel als die Tochter meines Vaters, oder noch stärker, als die Enkelin meines Grossvaters, erkennen lässt. Andere Mädchen träumen wohl davon Prinzessin zu sein, ich war in meinen Fantasien meist unterwegs, eben mit Fahrenden oder dann als Indianerin (das war zu einer Zeit, als man noch nicht politisch korrekt gesprochen hat). Woher wohl diese immense Sehnsucht des Reisens kommt?

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Warten auf den Zug

Während mich jetzt der Alltag wieder fest im Griff hat, wandern meine Gedanken, vor allem auf den Spaziergängen mit Tatezi, zurück nach Südamerika. Zum Beispiel zu einem Tag, als Reisen auf der Reise unsere Fantasie entfacht hat. Was eignet sich besser, als ein verlassener Bahnhof, ein Eisenbahnmuseum, um Geschichten rund ums Reisen zu spinnen? In Baquedano, einem kleinen Ort zwischen Antofagasta und Calama, sind wir auf ein einsames Museum gestossen.

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La Portada bei Antofagasta

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Der verlassene Bahnhof von Baquedano

Meine Tochter und ich haben uns umgeschaut, keinen Museumseingang gefunden und lange gesucht, bis wir einen Arbeiter fanden, den wir nach dem im Reiseführer erwähnten Museum fragen konnten. „Ach, das ist da hinten, aber das sind nur alte Maschinen“, hat er gemeint. Kein Eingang, ein Eintritt, kein Zaun darum. Wer möchte und könnte auch eine alte Dampflok stehlen? Und niemand hat Tatezi den Eintritt verwehrt.

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Ob da wohl mal ein pompöser Zugang zum Bahnhof war?

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Die alte Dampflokomotive steht abfahrtsbereit im Depot…

Wasserturm

… und Wasser kann sie auch gleich auftanken

Wie haben wir das genossen, auf den „alten Maschinen“ herum zu klettern! Uns vorgestellt, wir würden jetzt gleich mit einem lauten Pfiff abfahren, den zurück Bleibenden noch einmal zuwinkend, und Tatezi haben wir natürlich auf unsere imaginäre Reise auch mitgenommen.

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War ein herrliches Gefühl, in so einer alten Lok zu stehen

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Bye, Bye meine Lieben und vergesst mich nicht

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Sogar Tatezi macht ganz mit und freut sich auf die Reise

Die verlassenen Kinder

Sonntag, 7. August 2011

Wir sind zurück in Winterthur, alles ist gut gegangen. Meine Reiseversicherung hat mir die Flüge organisiert und dafür gesorgt, dass ich an den Flughäfen mit einem Rollstuhl abgeholt worden bin. Dafür war ich sehr dankbar, denn ich hätte es nicht geschafft, war zu schwach, mit Tatezi, ihrer Box und meinem Gepäck durch all die Gänge zu gehen.

In Sucre wollte ich eigentlich noch von den verlassenen Kindern schreiben, aber dann hat mir die Zeit dazu nicht mehr gereicht. Ich denke oft an sie. Zum Beispiel an den 11-jährigen Yimmy, der als Letzter zu den Kindern im Transformatorenhaus gestossen ist. Yimmy war vier Monate alt, als seine Mutter eine Embolie erlitten hat. 2009 ist sie gestorben und der Vater war total überfordert mit dem Kind, denn er muss täglich zwei Schichten arbeiten, um die Schulden zurückzubezahlen, die durch die lange Krankheit seiner Frau entstanden sind. Er brachte Yimmy zu seiner Mutter, doch die war krank und alt und hat deshalb auf dem Sozialamt um Hilfe gefragt. So kam es, dass Yimmy vor 7 Monaten zu Monika Neff und Susanne Puschke kam. Er ist vielleicht eine Ausnahme, denn sein Vater will, dass er eine gute Ausbildung machen kann. Er hat also zumindest jemanden ausserhalb des Heimes, der sich für ihn engagiert. Und er ist laut Monika sehr fleissig, macht die Aufgaben zuverlässig und bekommt immer gute Noten.

Jorge und Yimmy

Seit Januar 2008 kümmern sich die beiden Frauen um Kinder, die zum Teil Haarsträubendes erlebt haben. Und bewahren sie so davor, eines Tages ein Strassenkind zu werden. Alleine im Mercado (Markt) von Sucre schlafen Nacht für Nacht rund 800 Kinder, die kein zu Hause haben. Wie kann ein kleines Kind verstehen, dass es von seiner Mutter mit der Bemerkung sie gehe einkaufen zur Grossmutter gebracht wird und dann einfach dort gelassen wird? Später erfährt es, dass die Mutter mit einem anderen Mann eine neue Familie gegründet hat. Doch auch die Grossmutter wollte den Kleinen nicht. Als ihn das Sozialamt bei ihr geholt hat, war er total unterernährt, hat Kartoffelschalen vom Boden gegessen. Oder der andere Knabe, dem der Vater erst den Schädel gebrochen und später die Schulter ausgerenkt hat. Seine Nahrung musste er aus einem Gully essen. Seinen Augen fehlt noch heute oft der Glanz, sie wirkten auf mich manchmal leblos.

Die Schweizerin Monika und die Deutsche Susanne gehören dem christlich-sozialen Missionswerk Tübingen an. Sie beziehen keinen Lohn, niemand bezahlt für sie AHV oder eine Krankenkasse. Sie leben von dem, was Freunde und Verwandte für sie spenden. Der Lebensunterhalt der 9 Kinder und ihr Schulgeld werden mit Patenschaften der Kinder beglichen. Yimmy ist ein wenig traurig, denn er hat als einziges Kind noch keine Patenschaft. Wer sich für eine Patenschaft interessiert, bekommt Auskunft bei TOS Dienste International e.V., Lange Strasse 26, D-04103 Leipzig. Von den monatlich 50 Franken, die eine Patenschaft kostet, gehen 90 % an die Kinder.

Monika Neff, Leiterin Los Transformadores

Vorläufiges Ende eines Traumes

Dienstag, 19. Juli 2011

Manchmal ist es besser vernünftig zu sein, auch wenn es schwer fällt. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, doch nach Rücksprache mit meinem mich in der Schweiz behandelnden Rheumatologen stand fest: Sucre ist die vorläufig letzte Station meiner Reise. Mir graut bloss, nach den gemachten Erfahrungen mit der südamerikanischen Bürokratie, ein bisschen davor, alles zu organisieren.

Beim Tierarzt waren wir bereits um uns das “Certificado Zoosanitario” zu besorgen. Tatezi ist bei bester Gesundheit, hat, trotz mangelnder Bewegung, noch nicht einmal Fett angesetzt. Der Tierarzt hat mit mir vermutlich das Geschäft seines Lebens gemacht. Ein Kollege von Eva, auch Tierarzt, hat vergebens versucht für Tatezis Flüge eine Transportbox aufzutreiben. Deshalb war ich erleichtert in der Tierarztpraxis eine solche zu sehen und habe sie gleich gekauft. Zum stolzen Preis von 1’600 Bolivianos (zirka 220 Franken). Zum Vergleich: ein Nachtwächter verdient hier für 12 stündige Schichten zwischen 1’900 und 2’000 Bolivianos. Im Monat! So ist, was für uns Touristen billig ist, für viele Bolivianer unerschwinglich.

Die letzte Woche hatte aber auch einen positiven Höhepunkt. Am Donnerstag haben mir die Zimmermädchen und Gärtner gleich nach dem Frühstück Blumen und Schokolade gebracht, mich umarmt und mir zum Geburtstag gratuliert. So ging es den ganzen Tag über weiter, der mit einem Abendessen mit Freunden endete. Dabei haben wir uns versprochen, uns wieder zu treffen, wenn ich zurückkommen werde um mich um mein Auto zu kümmern. Das muss nämlich bis zum 19. November zurück in Chile sein. Hier verkaufen kann ich es nicht, zu gross wäre der bürokratische Aufwand und der finanzielle Verlust. Ausserdem würde es Wochen bis Monate dauern.

Wer weiss, vielleicht kann ich im November meiner Reise bereits fortsetzen. Ansonsten komme ich im nächsten Jahr zurück um meinen Traum, einmal mit der Andenbahn zu fahren und Machu Picchu zu sehen, in die Realität umzusetzen.

Sucre by night

Krank in Bolivien

Montag, 11. Juli 2011

Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Ein Grossteil der Landbevölkerung hat keine Krankenkasse. Deshalb muss in der medizinischen Versorgung alles möglichst einfach sein, was aber nicht bedeutet, dass sie deswegen schlechter oder weniger effizient ist als in der Schweiz. Das habe ich selber erfahren.

Begonnen hat alles mit einem grippalen Infekt. Da die Übelkeit danach nicht weg ging, habe ich mich entschlossen einen Arzt aufzusuchen. Eva, die Hotelmanagerin und gute Seele des Hotels Kolping, konnte mir mit einer Adresse helfen: ihr ehemaliger Trauzeuge ist Gastroenterologe. So bin ich noch am selben Abend um 19.30 Uhr zu Javier Arduz gefahren und habe doch ein bisschen gestaunt, dass ich als erstes 100 Bolivianos (zirka 15 Franken) der unter einer Treppe sitzenden Sekretärin bezahlen musste. Ich habe später erfahren, dass eine Vorauszahlung üblich ist, wohl eben weil viele Leute keine Krankenkasse haben. Wer nicht bezahlen kann, wird nicht behandelt. Die 100 Bolivianos waren für die erste Untersuchung, für die späteren Konsultationen musste ich nichts mehr bezahlen!

Javier Arduz hat mich befragt, kurz untersucht und wie sich am nächsten Morgen weisen sollte gleich die richtige Diagnose gestellt: Gastritis. Keine 12 Stunden später wurde eine Endoskopie gemacht, die bestätigte, dass ich eine akute, blutende und chronische Gastritis habe. Benommen vom Beruhigungsmittel bin ich danach wie total betrunken zum Taxi gewankt und habe die Biopsieprobe zum Pathologen gebracht. Auch das ist hier üblich und kostensparend, dass die Patienten ihre Gewebeproben selber ins Labor bringen und danach die Resultate dort abholen.

Ausserdem ist mein Blutdruck viel zu hoch. Ich hatte gehofft, Dank Antibiotika, Schonkost und blutdrucksenkenden Medikamenten bald wieder auf dem Damm zu sein. Aber mein Appetit kam nicht zurück, ich wurde von Tag zu Tag schwächer und musste schliesslich sogar Tatezi zu Monika, einer seit ein paar Jahren hier lebenden Schweizerin die mir zur Freundin geworden ist, bringen, da ich nicht mehr mit ihr spazieren gehen konnte. Bei Monika kann sie in einem riesigen Garten herumrennen und sich wieder einmal so richtig austoben.

Tatezi bei Monika

Hier im Hotel sind alle wahnsinnig nett und hilfsbereit, bringen mir Tee, Suppe und Früchte aufs Zimmer und fragen mich auf was ich zum Essen Lust hätte. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es mir ergangen wäre, wenn dies in einem der sehr einfachen Hotels passiert wäre. Ob meine Reise bald vorzeitig zu Ende sein wird?


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