Archiv für die Kategorie „Südamerikareise“

Reisekoller

Sonntag, 23. September 2012

Die meisten, die längere Zeit reisen, werden irgendwann davon betroffen. Mich hat es ausgerechnet am mythischen Titicacasee getroffen: ich haben einen fürchterlichen Reisekoller. Ich ertrage die kalte Einsamkeit der Höhe nicht, leide unter der trockenen Luft, die die Haut meiner Finger wie Cervelats auf dem Grill aufspringen lässt und meiner Lunge arg zusetzt. Aber statt lange zu jammern, gibt es heute einfach ein paar schöne Fotos von der Anreise nach Copacabana, dem hiesigen Strand und einem Ausflug auf die Sonneninsel. Und morgen fahre ich nach Peru, wo ich in zirka zwei Wochen meine Tochter Gabriela treffen werde. Ich freue mich wahnsinnig!





Durch Schneegestöber ins tropische Coroico

Dienstag, 18. September 2012

Einst führte nur die „gefährlichste Strasse der Welt“ nach Coroico, auf der es jede Woche tödliche Unfälle gab. Zum Glück gibt es seit ein paar Jahren eine gut ausgebaute, geteerte Strasse, die auch in dieses tropische Idyll führt. Gleich nach La Paz steigt dieser Weg erstmals auf 4560m, von wo aus man einen fantastischen Ausblick auf die karge Bergwelt haben soll. Bei meiner Ankunft auf diesem Pass herrschte allerdings Schneegestöber, das bald von stockdickem Nebel und zwischendurch Regen abgelöst worden war. Ich sah weder hier noch auf dem 4859m hohen Pass etwas von der grandiosen Landschaft. Ich war froh, war die doppelt ausgezogene Sicherheitslinie gut sichtbar, so dass ich mich der entlang schleichen konnte. Der Weg nach Coroico ist immer noch gefährlich. Nicht wegen der Strasse, sondern wegen der Fahrweise der bolivianischen Bevölkerung. Kaum ein Auto fuhr bei diesem Wetter mit eingeschaltetem Licht und überholt wird trotzdem, auch unmittelbar vor Kurven. Drei Tage vor meiner Fahrt ist ein Car mit 40 Menschen in den Tod gestürzt.

Coroico empfing uns dann allerdings mit Wärme und Sonnenschein, die Leute badeten überall in Swimmingpools. In dem auf 1750 m Höhe liegenden Dörfchen gedeiht eine üppige Pflanzenwelt und wir haben unzählige Vogelarten gesehen und gehört. Auch fast handgrosse Schmetterlinge konnten wir auf uns unseren Spaziergängen beobachten.

Die Rückfahrt nach LaPaz verlief problemlos bis wenige Kilometer vor der Stadt. Dort war dann das Ende der sorglosen Fahrerei. Eine Blockade verhinderte die Ein- und Ausfahrt in die City. Mineure waren am Streiken, sie wollten eine Verstaatlichung ihrer Firma erreichen, einer Schweizer Firma mit Sitz in Zug. Wenn Arbeiter sich bessere Bedingungen durch eine Verstaatlichung erhoffen, kann man sich ja vorstellen, wie mies die zur Zeit sein müssen. Ich schämte mich Schweizerin zu sein und war froh, mit chilenischen Nummern am Auto unterwegs zu sein.

Ein hilfreicher Polizist hat mir aufgezeichnet, wie ich trotzdem zurück nach La Paz gelangen konnte. Das war allerdings nur ein Feldweg mit tiefen Furchen, über den nun die gesamten Lastwagen, Busse und Autos fuhren. Da Kreuzen ein Problem darstellte, musste ich dreimal rückwärtsfahren. Das habe ich zitternd bewältigt, doch zweimal habe ich gestreikt, mich einfach geweigert rückwärts um eine Kurve zu fahren, denn auf der Seite ging es, natürlich ohne Leitplanke, tief hinunter. Ein Bolivianer hat Erbarmen mit mir gehabt und mein Auto zurück gefahren. Zwei Lastwagen haben das Kreuzen nicht geschafft, einer kippte um. Zum Glück derjenige auf der Bergseite. Auch hier zeigte sich wieder die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung: gemeinsam gelang es den Männern die beiden Fahrzeuge wieder flott zu machen. Nach sieben Stunden habe ich die 125 Kilometer lange Fahrt von Coroico nach La Paz geschafft.



Vollkornbrot und „Züpfe“ in La Paz

Mittwoch, 12. September 2012

Ich, die ich normalerweise Angst habe mit dem Auto durch Zürich zu fahren, musste quer durch La Paz kutschieren. Nach 1 ½ stündiger Irrfahrt und jeder Menge Adrenalinstössen gelang es mir einen Parkplatz zu finden und nach einem Taxi Ausschau zu halten, das mich zum Hotel lotsen sollte. Leider stand das gefundene Taxi in die andere Fahrtrichtung und so musste ich zum nächsten Kreisel fahren um zu wenden, doch ich habe dummerweise die falsche Ausfahrt erwischt. Was, wenn man als Fussgänger unterwegs ist, faszinierend exotisch sein mag, wird zum Alptraum, wenn man selber fahren muss: ein schier unvorstellbares Gewimmel von Strassenhändlern, deren Stände in die Fahrbahn hineinreichen, dichter Verkehr altersschwacher Busse und Taxis, viele Fussgänger, die überall und jederzeit in die Strasse laufen und zudem hat La Paz ein kompliziertes Einbahnsystem. Ich hätte das Taxi nie mehr gefunden. Deshalb habe ich kurzerhand die Warnblinker eingeschaltet und auf der nächsten Kreuzung gewendet. Erstaunlicherweise hat niemand gehupt, obwohl ich den ganzen Verkehr aufgehalten habe, fast in einen Berg Orangen gefahren bin und eine dicke Marktfrau beinahe umgefahren hätte. Letztere hat, nahm ich ihrem Gesichtsausdruck an, mich gewaltig verflucht.

War das eine Erlösung, als ich im Hotel Oberland angekommen bin, das südlich von La Paz auf einer tieferen und damit angenehmeren Höhe liegt als die Grossstadt, wo die Häuser bis auf 4100 m an den Berghängen kleben. Ich hatte Trotzdem Mühe Treppen zu steigen und habe mich gefragt, wie man in dieser Höhe noch Fussball spielen könne.

Wie habe ich es genossen, im Schweizer Hotel zum Frühstück Vollkornbrot und selbstgebackene „Züpfe“ zu essen! Und das grosse, hübsche Zimmer kam mir nach der Zelle in Patacamaya wie ein Palast vor. Auch konnte ich gut mit Tatezi in einem nahe gelegenen Park neben dem Zoo spazieren gehen. Nur ein paar Minuten zu Fuss vom Hotel entfernt liegt das Valle de Luna, wo die Natur durch Erosion zum Künstler geworden ist.

Die neugierigen Bolivianer

Freitag, 7. September 2012

Tut das gut, wieder mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein! Unsere erste Fahrt von Arica nach Putre war kurz, nur 127 km, aber mit einer Höhendifferenz von 3500m. Noch ein bisschen unsicher mit der südamerikanischen Fahrweise, habe ich schon nach 50 km die erste Pause eingelegt um in einem abgelegenen Restaurant eine Suppe zu essen. Die Wirtin, die meistens den ganzen Tag alleine in ihrem Beizchen sitzt, war noch so froh, jemanden zum Sprechen zu haben. Kurzerhand hat sie sich auch mit einem Teller Gerstensuppe zu mir an den Tisch gesetzt. Und dann ging die Fragerei los, ich hatte ganz vergessen, wie neugierig die bolivianische Bevölkerung ist. Wie heisst Dein Hund? Wie alt ist er? Was hat er gekostet? Ich habe ein bisschen geschummelt und ihr geantwortet, ich wüsste den Preis in Bolivianos nicht. Ich kann doch nicht jemandem, der, wenn es hoch kommt, ein paar Franken pro Tag verdient, sagen dass ich 2000 Franken für einen Hund bezahlt hätte. Mein Alter wollte sie ebenso wissen wie meinen Zivilstand. Als sie dann aber auch noch nach dem Scheidungsgrund gefragt hat, wurde es mir dann doch zu persönlich. So nett wir uns auch unterhalten haben, als ich bezahlt habe, hat sie mich übers Ohr gehauen und mir 10 Bolivianos zu wenig zurückgegeben.

In Putre haben wir uns zwei Nächte in der Terrace Lodge verwöhnen lassen, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Denn am nächsten Tag stand uns die erste Passfahrt bevor, die uns auf 4750 m Höhe hinaufführte, vorbei am Lago Chungara, wo auch die Grenze zu Bolivien verläuft. Der Grenzübertritt verlief diesmal reibungslos. Ich habe die neun (!) Stellen, an denen es einen Stempel zu kassieren galt, in weniger als einer Stunde hinter mich gebracht. So waren wir schon um 16 Uhr in Patacamaya. Doch oh weh, „El Americano“, wo ich letztes Mal abgestiegen bin, war besetzt. Und auch alle anderen Unterkünfte waren wie durch Zauberhand ausgebucht. Sobald die Leute Tatezi gesehen haben.

Am Ende des Dorfes habe ich dann doch noch ein Bett gefunden. Für zwei Franken die Nacht! Entsprechend war der Komfort und der Schmutz, das Wort Sauberkeit kann ich hier wirklich nicht gebrauchen. Toiletten hatte es vier, nicht nach Geschlechtern getrennt, OHNE Türen und jede Schüssel war gefüllt mit diversen Exkrementen. Das Zimmer war kleiner als eine Gefängniszelle, zirka 1,90 auf 1,70 m, das Bett schmutzig, die Matratze durchgelegen, das Leintuch zerfetzt und mein Seidenschlafsack war natürlich im Auto, das ich zumindest in der Garage des „El Americano“ unterstellen durfte. Ich schlief in den Kleidern.

Andres, mein Helfer in Arica

Samstag, 1. September 2012

Gleich am Tag meiner Ankunft in Arica hat sich Andres, in dessen Obhut mein Auto seit letztem Oktober gewesen ist, bei mir gemeldet. Voller Stolz hat er mir erzählt, dass er vor kurzem geheiratet habe, in meinem Auto! Ich nehme an, er ist damit zum Standesamt gefahren. Und er sei ein bisschen traurig, hat er gemeint, dass er das Auto jetzt wieder abgeben müsse. Nun, eine Woche durfte er es noch fahren, denn es standen die Vorführung zur technischen Inspektion und die Bezahlung der Strassenverkehrsabgabe an. In Erinnerung an all die Komplikationen, die es letztes Jahr mit den Autopapieren gegeben hat, war ich noch so froh, hat mir Andres das alles abgenommen. Denn tatsächlich gab es auch dieses Mal wieder ein Problem: auf einem der Dokumente stand noch der Name des Vorbesitzers. Andres musste deshalb zuerst auf das Zivilstandsamt um ein neues Dokument zu bekommen. Wenn ich mir ausmale, wie ich das den Beamten stotternd erklärt hätte…

Er ist in dieser Woche fast jeden Tag bei mir im Hotel vorbeigekommen um etwas zu fragen oder mir zu erklären. Und das alles, ohne etwas dafür zu verlangen. Im Gegenteil, er hat mich eingeladen, seine Frau und seine beiden Söhne bei einem Abendessen kennen zu lernen. Da war dann ein Abend lang volle Konzentration angesagt, denn mein Spanisch ist einfach noch zu schlecht, als dass ich mich einfach so ohne weiteres unterhalten könnte. Vielleicht geht es morgen, wenn ich die Familie zum Abschied zum Mittagessen einladen werde, schon ein bisschen besser.

Tatezi und ich lieben diese Stadt des ewigen Frühlings. Kaum habe ich im Hotel das Fenster geöffnet, wurde sie ganz aufgeregt und hat schnuppernd den Kopf hoch gehalten. Ob sie wohl das Meer gerochen hat? Und bei unserem ersten Strandspaziergang konnte sie sich fast nicht erholen vor Freude. Es ist ja auch berauschend, einen kilometerlangen Strand fast für sich alleine zu haben. Deshalb haben wir jeden Tag lange am zusammen gespielt und uns von der doch Recht strapaziösen Anreise hier her erholt. Beim Tierarzt waren wir schon und haben den offiziellen Stempel vom Ministerio de Agricultura erhalten, so dass unserer Ausreise aus Chile nichts mehr im Wege steht. Die eigentliche Reise kann beginnen.

Auf dem „Hausberg“ von Santiago de Chile

Samstag, 25. August 2012

Gleich am Tag nach unserer Ankunft in Chile haben wir einen Ausflug auf Santiagos Hügel Cerro San Cristobal unternommen, denn für den nächsten Tag war Regen prognostiziert. Ein bisschen faul wie wir sind, haben wir für den Aufstieg die Standseilbahn gewählt. Da der Zutritt dazu Tatezi gewährt wurde, mussten wir das doch ausnutzen. Allerdings hat die Dame beim Ticketverkauf gemeint, ich dürfe sie schon mitnehmen, müsse sie aber tragen! Sie hatte dann doch ein Einsehen, als ich ihr sagte, Tatezi wiege 22 kg.

Auf dem 880 m hohen Hügel, einem in die Stadt hineinreichenden Vorläufer der Anden, bietet sich ein Panorama verschiedener Stadteile an, das allerdings während unserem Besuch im winterlichen Hochnebel versank. Nicht fehlen darf natürlich zuoberst eine Statue der Jungfrau Maria. Den Rückweg traten wir zu Fuss an, was uns beiden gefiel. Überhaupt ist Santiago de Chile eine Stadt nach Tatezis Geschmack, hat es doch sehr viele Parkanlagen und Grünflachen.

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Gestern haben wir eine andere Parkoase auf dem Hügel Cerro Santa Lucia besucht. Dieser 69 m hohe Hügel hatte lange vor der Eroberung durch Pedro de Valdivia einen Namen: Huelén, was Schmerz, Schwermut oder Traurigkeit bedeutet. Im 19 Jahrhundert wurde er, als Teil der Vorbereitung zur 100-jahrfeier der chilenischen Republik, mit Brunnen und Erkern bebaut, Bäume wurden gepflanzt und Teile einer Festung hier her geschleift. Heute ist er beliebtes Ausflugsziel und eine grüne Lunge am Rande der Altstadt.

Kaum zurück im Hostall Rio Amazonas hat der vorausgesagte Regen eingesetzt, bei einer Temperatur zwischen 5 und 6 Grad Celsius. Und doch zeichnet sich bereits der Frühling ab:

Ein warmer Empfang, eine unfähige Tierärztin und ein hilfsbereiter Taxifahrer

Sonntag, 19. August 2012

Es war fast wie heimkommen, als wir vorgestern in der Frühe in der Pousada Zilah in São Paulo angekommen sind. Alle haben uns liebevoll begrüsst und auch Tatezi schien sich zu erinnern, dass wir hier schon waren. Da mein Zimmer noch nicht parat war, habe ich mir erst einmal eines der herrlichen Frühstücke mit frisch gepressten Fruchtsäften, Früchten, allerlei kleinen Happen wie Minischinkengipfel, verschiedenen Käsen, drei Sorten Kuchen und was sonst noch gehört gegönnt. Danach gehen wir gleich zur Tierärztin, habe ich mir gedacht, damit ich dann alle Papiere für die Einreise in Chile am Montag habe.

Die Tierärztin war allerdings noch nicht da, ich solle in drei Stunden wieder kommen, wurde mir beschieden. Dann nochmals eine Stunde warten, bis sie endlich aufgetaucht ist. Ich fand das nicht schlimm, ausser mit Tatezi spazieren mochte ich eh nichts Grosses unternehmen an diesem ersten Tag nach dem Nachtflug. Dann war sie endlich da, hat Tatezi genauestens untersucht und das ach so wichtige Zeugnis ausgesellt. Und da hätte ich spätestens skeptisch werden sollen, denn sie hat angegeben, Tatezi sei ein Rüde! Jeder Laie kann eine Hündin von einem Rüden unterscheiden. Doch ich habe es einfach auf Gedankenlosigkeit zurückgeführt, sie korrigiert und bin mit dem Papier zum Taxifahrer gegangen um mit ihm zum Flughafen zu fahren. Denn die Einreisebedingungen für Chile haben sich seit letztem Jahr verschärft. Neu müssen die Dokument zwei Tage vor der Einreise bei der zuständigen Behörde sein, damit sichergestellt ist, dass die Tiere ja keine Flöhe und Würmer mehr haben. Nur hatte die Tierärztin zwar Tatezis Gesundheitsstatus überprüft, aber nicht angegeben, dass sie gegen interne und externe Parasiten behandelt worden ist.

Zum Glück ist Edson, der Taxifahrer, gleich mit mir auf das Amt gekommen, denn dort sprach man nur Portugiesisch, welches ich nicht verstehe. Ein grosses Palaver hat begonnen, aber alles half nichts. Ich musste nochmals zu einem Tierarzt. Inzwischen war es 16.15 und das Amt war bis 17 Uhr geöffnet! Wir sind losgerannt und so schnell wie möglich zum nächsten Tierarzt gefahren. Der war nicht da. Weiter zum nächsten. Es war 16.30. Zuerst sollten wir dort warten, doch Edson gelang es, uns gleich vorzudrängen. Um 16.40 hatten wir das Papier, das die nette Tierärztin auf gut Glauben ausgestellt hatte. Jetzt begann eine Fahrt, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich kam mir vor wie bei einer Verfolgungsjagd aus einem Actionthriller. Edson überholte auf dem Pannenstreifen, jagte dazwischen im Zick-Zick-Kurs von der rechten auf die linke Spur, nur um immer wieder ein bis zwei Autos zu überholen. Als sich ein Stau abzeichnete, fluchten wir in vier Sprachen und riefen alle möglichen Götter um Hilfe an. Es hat genützt. Um 16.59 hielt Edson vor der Eingangstür am Flughafen. Ich nahm Tatezi und rannte so schnell ich konnte zum Amt. Um 16.59 und 58 Sekunden und kurz vor einem Herzinfarkt war ich dort. Ich habe das Papier, das ich am Montag brauchen werde, um mir die Einreisebewilligung abzuholen.

Um 19 Uhr waren wir zurück in der Pousada, ich ging nochmals kurz mit Tatezi um den Block, habe etwas gegessen und bin ins Bett gesunken. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, die Decke hochgezogen zu haben und bin erst elf Stunden später aufgestanden.


Das Abenteuer geht weiter

Samstag, 5. Mai 2012

Ich habe den Flug nach São Paulo gebucht! Damit ist der erste Stein auf dem Weg zum zweiten Teil meiner Südamerika Reise gelegt. Einiges ist anders als vor meiner ersten Tour durch diesen Kontinent. War mir letztes Jahr ein bisschen bange, ob meine doch eher rudimentären Spanischkenntnisse genügen würden und ob ich mich so ganz alleine, respektive mit Tatezi durchschlagen könne, so habe ich heute diesbezüglich keine Sorgen mehr. Auch ist die undefinierbare Angst vor dem Ungewissen, die geschürt wurde durch negative Erzählungen und ständige Warnungen von Bekannten, verschwunden. Was musste ich mir damals nicht alles anhören! Überfallen und ausgeraubt werde man, die Strassenhunde würden Tatezi zerfleischen, etc. etc. Nichts von all dem ist mir widerfahren, im Gegenteil, ich bin sehr oft auf äusserst hilfsbereite Menschen gestossen und die Strassenhunde waren sehr ängstlich. Wurden sie mal ein bisschen zu aufdringlich, so hat ein lautes „No“ genügt und sie verzogen sich sofort mit eingezogener Rute.

Andererseits fliege ich diesmal nicht mehr so blauäugig auf den Kontinent meiner Träume. Ich weiss um den bürokratischen Hindernislauf, den es zu bewältigen gilt, wenn man mit eigenem Auto unterwegs ist. Den neuen Versicherungsschutz werde ich deshalb bereits von der Schweiz aus organisieren. Eine Freundin hat mir einen Link vermittelt, bei dem ich mein Auto für ganz Südamerika, ausgenommen Kolumbien, versichern lassen kann, inklusive Haftpflichtversicherung.

Das Beste aber ist, dass ich die Gelbfieberimpfung nicht mehr machen lassen muss. Dafür musste ich vor der letzten Reise meine Medikamente drei Monate absetzten – eine Zeit voller schier unerträglicher Schmerzen, die mich am Planen meiner Reise hinderten. Diesmal kann ich die Zeit bis zum Abflug noch nutzen um mich durch Reisebücher zu lesen und mich so richtig auf das Kommende zu freuen. Schliesslich warten ja immer noch die Andenbahn und der Machu Picchu, die beiden Highlights meiner Träume, auf meinen Besuch und dazwischen ganz viele spannende Erlebnisse. Am 16. August werden wir nach São Paulo fliegen und drei Tage später weiter nach Santiago de Chile – mein grosses Abenteuer wird weiter gehen.

Bald ziehen wir wieder davon

Das Auto ist gut untergebracht

Montag, 31. Oktober 2011

Es war das erste Mal, dass der Taxifahrer Eric das Meer gesehen hat und entsprechend enthusiastisch war er ob der Weite, dem Geruch, den Geräuschen, der Brandung und den kleinen Muscheln, die er am Strand gefunden hat. Schon um 7 Uhr in der Frühe sind er und seine Schwester, die, vielleicht als Anstands-Wau-Wau, mitgekommen ist, baden gegangen. Denn um 10.15 Uhr fuhr ihr Bus nach La Paz ab. Ich glaube, ich habe in diesen zwei Tagen mehr spanisch gesprochen als während meiner 6-monatigen Reise. War ein befriedigendes Gefühl, fast alles verstanden zu haben. Zumindest dem Sinn nach.

Meine Sorge, nicht genügend Zeit zu haben um einen Abstellplatz für mein Auto zu finden, war unbegründet. In nur zwei Stunden habe sich mir zwei Möglichkeiten aufgetan. Ich hätte den Jeep auf dem Hotelparkplatz stehen lassen können. Und der Garagist, der mein Auto im letzten Frühling mit besseren Stossdämpfern ausgestattet hatte, war auch bereit, das Fahrzeug aufzunehmen. Ich habe mich für den Garagisten entschieden, denn so kann ich sicher sein, dass bei meiner Rückkehr nach Südamerika im nächsten Jahr die Batterie noch funktionieren wird.

Jetzt hatte ich zwei geschenkte Tage. Den einen habe ich genutzt um mir auf einer geführten Tour die Geschichte Aricas anzuhören. Im Museum Arqueólogico San Miguel de Azapa hat es mich tief berührt, die Mumien von Menschen zu sehen, die vor zirka 10‘000 bis 11‘000 Jahren gelebt haben. Eine Frau, ein Mann, ein Kind und ein Ungeborenes. Es sind dies die ältesten bisher gefunden Mumien. Die Knochen waren von allem Fleisch befreit und dann mit Pflanzen umhüllt worden, so dass ihre Gestalt bis in die heutige Zeit erhalten geblieben ist. Natürlich fehlten in dem Museum auch Spuren der Inkas nicht.

Zum Abschluss habe ich mir noch einen faulen Tag mit einem Krimi am Strand gegönnt. Danach konnte ich beruhigt nach Hause fliegen, wissend, dass ich allen Vorschriften gehorcht und mein Auto zur rechten Zeit zurück nach Chile gebracht habe.


Wahlen in Bolivien

Dienstag, 25. Oktober 2011

Die höchsten Richter des Landes wurden am letzten Sonntag in Bolivien gewählt. Das bedeutete, dass, wie vor allen Wahlen, von Freitag Nacht um 24 Uhr bis Sonntag Nacht um 24 Uhr kein Alkohol verkauft werden durfte. Ja, sogar in den eigenen vier Wänden war das Trinken alkoholischer Getränke verboten. Das sei, sagte man mir, damit die Wählenden einen klaren Kopf hätten und wüssten wie die Wahlpapiere auszufüllen seien. Auch Touristen sind von diesem Gesetz betroffen und so kam ich nicht mehr in den Genuss, zum Abschied im Hotel nochmals einen Caipirinha zu trinken. Schade, denn es ist der beste, den ich je genossen habe.

Zum Glück habe ich auch noch erfahren, dass am Sonntag, dem eigentlichen Wahltag, das Fahren jeglicher Motorfahrzeuge verboten sei. Was jetzt? Ich wollte doch am Samstag losfahren! Da auch Restaurants und sämtliche Geschäfte geschlossen sein sollten, beschloss ich bis am Montag in Sucre zu bleiben. Denn für Hotels gilt das Verbot nicht. Der Hotelbetrieb war allerdings eingeschränkt, denn viele der Angestellten wohnen zu weit weg, um den Arbeitsplatz zu Fuss erreichen zu können. Die Rezeptsionistin, eine stark übergewichtige Frau, war fix und fertig, als sie zur Arbeit erschienen ist. Drei Kilometer zu Fuss sind bei ihrem Gewicht auch eine grosse Leistung. Aber gut hat es ihr sicher getan.

Wissend, wie langsam alles in Südamerika gehen kann, wurde mir allerdings ein bisschen bange beim Gedanken daran, dass mir jetzt nur noch ein Arbeitstag in Arica, Chile, bleiben würde, um einen Abstellplatz für mein Auto zu finden. Denn für die Fahrt dorthin würde ich vier Tage brauchen. Auf dem Weg zu Monika, wo mein Auto während meinem Heimaturalub stationiert gewesen ist, habe ich Eric, dem Taxifahrer, von meiner Sorge erzählt. Er meinte darauf spontan, er könne mich in zwei Tagen nach Arica fahren. Ich kenne Eric von meinem letzten Aufenthalt in Sucre, denn er ist einer der wenigen Taxifahrer, die wissen wo Monika wohnt. Wir wurden uns schnell einig. Und so konnte ich die lange Fahrt ganz entspannt auf dem Beifahrersitz geniessen und für einmal die Umgebung uneingeschränkt betrachten.






Oktoberfest in Sucre

Freitag, 21. Oktober 2011

Es war wie beim Domino, wo ein Stein den nächsten umwirft: weil der Flug von New York nach Miami Verspätung hatte, war ich einen Tag später als vorgesehen in La Paz. Dort war das reservierte Hotel unterdessen ausgebucht, ebenso wie der Weiterflug am nächsten Tag nach Sucre. Ich hatte trotzdem Glück, habe ein sauberes Hotel gefunden, das nur einen Bruchteil des reservierten gekostet hat, und einen Platz in der Business Class ergattert. Und in Sucre war das schönste Zimmer des Hotels Kolping jetzt auch vergeben.

Es war wie heimkommen, als ich im Hotel Kolping angekommen bin. Alle haben mich umarmt, Eva die Managerin, die mich schier erdrückt hatte, die Kellner, die Hausmädchen und der Gärtner. Evie, bei der ich fünf Wochen lang einen Spanischkurs besucht hatte, ist auch gleich auf einen Kaffee vorbei gekommen. Dabei habe ich erfahren, dass am nächsten Abend in der Schule, die im deutschen Konsulat untergebracht ist, ein Oktoberfest stattfinden solle. Im Kulturkaffee Berlin, mit Live-Jazz. Da ich diesmal ohne Tatezi reise, habe ich mir die Gelegenheit nicht entgehend lassen, einmal abends auszugehen. Das Publikum war bunt gemischt, Bolivianer/innen, Touristen und Schüler/innen und entsprechend herrschte eine Sprachenvielfalt. Wie in Deutschland gab es Weisswurst, Sauerkraut und natürlich Bier, aber statt Schunkelmusik feurigen Jazz der Gruppe Jazz Manouche.

Wie im Hotel haben mich auch in der Schule viele gefragt, wo denn mein Hund sei. Als ich das Evie erzählt habe, meinte sie: „Du warst ‚die Frau mit dem Hund‘ und als solche in der ganzen Stadt bekannt.“ Kunststück, in Bolivien geht sehr selten jemand mit seinem Hund spazieren. Und einen wie Tatezi sieht man hier nicht.


Gestrandet in Miami

Sonntag, 16. Oktober 2011

Da wollte ich doch nach La Paz in Bolivien fliegen. Und wo bin ich gelandet? In Miami. Dort habe ich wegen einer fast zweistündigen Verspätung des Fluges von New York meinen Anschlussflug verpasst. Das gemeine war, dass ich es geschafft hätte, wäre nicht zuletzt nochmals eine Panne aufgetreten: unser Flugzeug konnte nicht andocken. Eine halbe Stunde standen wir ganz kurz vor dem Dock, während vom Nachbardock aus mein Flug in den Nachthimmel abhob. So bin ich 25 Stunden nach meiner Abreise von zu Hause in einem Hiltonhotel untergekommen. Natürlich ohne Koffer und deshalb war mein erster Gedanke: zum Glück habe ich Tatezi nicht dabei. Denn was wäre mit ihr passiert? Wäre sie, wie mein Koffer, irgendwo abgestellt worden?

Mit meinen Wanderschuhen, der Jack Wolfskinhose und -jacke sowie dem kleinen Rucksack sah ich vermutlich ebensowenig wie die üblichen Gäste des Hotels aus wie das französische Paar, das ebenfalls den Anschlussflug verpasst hatte. Als wir uns um 23 Uhr in die Bar setzten um ein verspätetes Abendessen zu uns zu nehmen, lösten wir Gelächter aus und jemand rief: „Seht mal, die Backpackers (Rucksackreisende) kommen!“ Als wären wir exotische oder schräge Vögel. Wir haben auch gelacht.

Ich habe die 24 Stunden in Miami erst mal zum Ausschlafen genutzt. Doch dann reichte die Zeit noch gut für einen Strandspaziergang, welchen ich allerdings wegen meiner zugebenermassen hier unpassenden Kleidung kurz hielt. Beim Abflug in der Schweiz war das Wetter sehr kühl und die Prognose für La Paz sah etwa gleich aus. Entsprechend war ich angezogen und die Sommerschuhe waren auch im Koffer. In Miami hingegen herrschten Hochsommertemperaturen. Deshalb habe ich jetzt ein neues T-Shirt, das wie der Hotelaufenthalt inklusive Mahlzeiten und die nötigsten Toilettenartikel von der Fluggesellschaft American Airlines bezahlt wird.

Kapitulation vor der südamerikanischen Bürokratie

Dienstag, 11. Oktober 2011

Es war mir ein bisschen zuwider, nach Bolivien zu fliegen, nur um mein Auto nach Chile zu fahren, wo es aus zolltechnischen Gründen bis Mitte November sein muss. Keine Ahnung warum, es ist ja schliesslich mein Auto. Aber das hatte ich mir auf meiner Reise längst abgewöhnt, nach Gründen für bürokratische Vorschriften zu fragen. Deshalb war ich froh um den Tipp der Schweizer Botschaft in Bolivien, die mir riet, es durch einen Fahrer überführen zu lassen und auch gleich einen empfehlen konnte: Aldo Rezzonico, ein Schweizer, der in La Paz Jeeps vermietet.

Wir waren uns schnell einig und Aldo wollte die für die Überführung nötigen Papiere besorgen. Dazu musste ich ihm die Originalautopapiere und eine unterschriebene Fotokopie meines Passes schicken. Eva, die Hotelmanagerin aus Sucre, hat unterdessen noch ihren Anwalt gefragt und von ihm eine Vollmacht aufsetzten lassen, die ich auf der bolivianischen Botschaft beglaubigen lassen sollte. So hatte ich mir gedacht, hätte Aldos Chauffeur zwei Papiere und eines davon würde dann hoffentlich vom Zoll akzeptiert werden. Sicherheitshalber habe ich noch auf der chilenischen Botschaft und dem bolivianischen Konsulat angerufen.

Auf dem chilenischen Konsulat meinte mein Gesprächspartner, das sei ein sehr komplizierter Fall, ich müsse in der Botschaft nachfragen. Dann hat er mir noch viel Glück gewünscht. Ich nehme an, er hat das nicht ironisch gemeint, aber ich hätte wirklich eine grosse Portion Glück gebraucht. Bei der chilenischen Botschaft habe ich gar niemanden erreicht, habe tagelang unzählige Male vergebens angerufen und auch auf meine Mails keine Antwort bekommen. Und auf dem bolivianischen Konsulat war die Dame auch nicht gerade hilfsbereit, sagte bloss immer wieder: „Das ist nicht möglich.“ Auf meine Frage, was ich denn tun könne, damit mein Auto nach Chile komme, antwortete sie: „Werden sie gesund und fahren sie selber.“ Und wenn ich jetzt tot wäre, wollte ich von ihr wissen. Darauf meinte sie: „Das wäre denen vollkommen egal, dann würde ihr Auto eben in Bolivien stehen bleiben.“ Schlussendlich gab sie zu, dass ich es mit einer beglaubigten Vollmacht versuchen könne, aber ohne Garantie, dass die vom Zoll akzeptiert würde.

Unterdessen hat Aldo sich noch auf der chilenischen Botschaft in Bolivien erkundigt. Das Resultat dieser Unterredung bedeutete das „Aus“ für meinen Plan. Denn wie hätte ich wissen sollen, was in einer Vollmacht zu stehen hat, damit diese vom chilenischen Zoll akzeptiert wird? Ausserdem hätte die Vollmacht noch auf der chilenischen Botschaft, dem bolivianischen Konsulat und von einem Notar beglaubigt werden müssen. Dazu reicht die Zeit einfach nicht mehr. Und ich glaube nun der Angestellten, die mir gesagt hat, es sei unmöglich. So fliege ich jetzt selber mit gemischten Gefühlen nach Bolivien: einerseits freue mich meine Freunde in Sucre wieder zu sehen und in Arica noch drei Tage Badeurlaub zu machen, aber mir graut ein bisschen vor der langen Fahrt, ganz alleine, ohne Tatezi.

Mein Auto – Grund für viel Freude und Ärger

Fantasien

Sonntag, 28. August 2011

Als Kind habe ich immer behauptet, im Spital vertauscht worden zu sein und in Wirklichkeit das Kind Fahrender und nicht meiner Eltern zu sein. Und das, obwohl mein Äusseres mich ohne jeden Zweifel als die Tochter meines Vaters, oder noch stärker, als die Enkelin meines Grossvaters, erkennen lässt. Andere Mädchen träumen wohl davon Prinzessin zu sein, ich war in meinen Fantasien meist unterwegs, eben mit Fahrenden oder dann als Indianerin (das war zu einer Zeit, als man noch nicht politisch korrekt gesprochen hat). Woher wohl diese immense Sehnsucht des Reisens kommt?

Warten auf den Zug

Während mich jetzt der Alltag wieder fest im Griff hat, wandern meine Gedanken, vor allem auf den Spaziergängen mit Tatezi, zurück nach Südamerika. Zum Beispiel zu einem Tag, als Reisen auf der Reise unsere Fantasie entfacht hat. Was eignet sich besser, als ein verlassener Bahnhof, ein Eisenbahnmuseum, um Geschichten rund ums Reisen zu spinnen? In Baquedano, einem kleinen Ort zwischen Antofagasta und Calama, sind wir auf ein einsames Museum gestossen.

La Portada bei Antofagasta

Der verlassene Bahnhof von Baquedano

Meine Tochter und ich haben uns umgeschaut, keinen Museumseingang gefunden und lange gesucht, bis wir einen Arbeiter fanden, den wir nach dem im Reiseführer erwähnten Museum fragen konnten. „Ach, das ist da hinten, aber das sind nur alte Maschinen“, hat er gemeint. Kein Eingang, ein Eintritt, kein Zaun darum. Wer möchte und könnte auch eine alte Dampflok stehlen? Und niemand hat Tatezi den Eintritt verwehrt.

Ob da wohl mal ein pompöser Zugang zum Bahnhof war?

Die alte Dampflokomotive steht abfahrtsbereit im Depot…

… und Wasser kann sie auch gleich auftanken

Wie haben wir das genossen, auf den „alten Maschinen“ herum zu klettern! Uns vorgestellt, wir würden jetzt gleich mit einem lauten Pfiff abfahren, den zurück Bleibenden noch einmal zuwinkend, und Tatezi haben wir natürlich auf unsere imaginäre Reise auch mitgenommen.

War ein herrliches Gefühl, in so einer alten Lok zu stehen

Bye, Bye meine Lieben und vergesst mich nicht

Sogar Tatezi macht ganz mit und freut sich auf die Reise

Die verlassenen Kinder

Sonntag, 7. August 2011

Wir sind zurück in Winterthur, alles ist gut gegangen. Meine Reiseversicherung hat mir die Flüge organisiert und dafür gesorgt, dass ich an den Flughäfen mit einem Rollstuhl abgeholt worden bin. Dafür war ich sehr dankbar, denn ich hätte es nicht geschafft, war zu schwach, mit Tatezi, ihrer Box und meinem Gepäck durch all die Gänge zu gehen.

In Sucre wollte ich eigentlich noch von den verlassenen Kindern schreiben, aber dann hat mir die Zeit dazu nicht mehr gereicht. Ich denke oft an sie. Zum Beispiel an den 11-jährigen Yimmy, der als Letzter zu den Kindern im Transformatorenhaus gestossen ist. Yimmy war vier Monate alt, als seine Mutter eine Embolie erlitten hat. 2009 ist sie gestorben und der Vater war total überfordert mit dem Kind, denn er muss täglich zwei Schichten arbeiten, um die Schulden zurückzubezahlen, die durch die lange Krankheit seiner Frau entstanden sind. Er brachte Yimmy zu seiner Mutter, doch die war krank und alt und hat deshalb auf dem Sozialamt um Hilfe gefragt. So kam es, dass Yimmy vor 7 Monaten zu Monika Neff und Susanne Puschke kam. Er ist vielleicht eine Ausnahme, denn sein Vater will, dass er eine gute Ausbildung machen kann. Er hat also zumindest jemanden ausserhalb des Heimes, der sich für ihn engagiert. Und er ist laut Monika sehr fleissig, macht die Aufgaben zuverlässig und bekommt immer gute Noten.

Seit Januar 2008 kümmern sich die beiden Frauen um Kinder, die zum Teil Haarsträubendes erlebt haben. Und bewahren sie so davor, eines Tages ein Strassenkind zu werden. Alleine im Mercado (Markt) von Sucre schlafen Nacht für Nacht rund 800 Kinder, die kein zu Hause haben. Wie kann ein kleines Kind verstehen, dass es von seiner Mutter mit der Bemerkung sie gehe einkaufen zur Grossmutter gebracht wird und dann einfach dort gelassen wird? Später erfährt es, dass die Mutter mit einem anderen Mann eine neue Familie gegründet hat. Doch auch die Grossmutter wollte den Kleinen nicht. Als ihn das Sozialamt bei ihr geholt hat, war er total unterernährt, hat Kartoffelschalen vom Boden gegessen. Oder der andere Knabe, dem der Vater erst den Schädel gebrochen und später die Schulter ausgerenkt hat. Seine Nahrung musste er aus einem Gully essen. Seinen Augen fehlt noch heute oft der Glanz, sie wirkten auf mich manchmal leblos.

Die Schweizerin Monika und die Deutsche Susanne gehören dem christlich-sozialen Missionswerk Tübingen an. Sie beziehen keinen Lohn, niemand bezahlt für sie AHV oder eine Krankenkasse. Sie leben von dem, was Freunde und Verwandte für sie spenden. Der Lebensunterhalt der 9 Kinder und ihr Schulgeld werden mit Patenschaften der Kinder beglichen. Yimmy ist ein wenig traurig, denn er hat als einziges Kind noch keine Patenschaft. Wer sich für eine Patenschaft interessiert, bekommt Auskunft bei TOS Dienste International e.V., Lange Strasse 26, D-04103 Leipzig. Von den monatlich 50 Franken, die eine Patenschaft kostet, gehen 90 % an die Kinder.

Vorläufiges Ende eines Traumes

Dienstag, 19. Juli 2011

Manchmal ist es besser vernünftig zu sein, auch wenn es schwer fällt. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, doch nach Rücksprache mit meinem mich in der Schweiz behandelnden Rheumatologen stand fest: Sucre ist die vorläufig letzte Station meiner Reise. Mir graut bloss, nach den gemachten Erfahrungen mit der südamerikanischen Bürokratie, ein bisschen davor, alles zu organisieren.

Beim Tierarzt waren wir bereits um uns das „Certificado Zoosanitario“ zu besorgen. Tatezi ist bei bester Gesundheit, hat, trotz mangelnder Bewegung, noch nicht einmal Fett angesetzt. Der Tierarzt hat mit mir vermutlich das Geschäft seines Lebens gemacht. Ein Kollege von Eva, auch Tierarzt, hat vergebens versucht für Tatezis Flüge eine Transportbox aufzutreiben. Deshalb war ich erleichtert in der Tierarztpraxis eine solche zu sehen und habe sie gleich gekauft. Zum stolzen Preis von 1’600 Bolivianos (zirka 220 Franken). Zum Vergleich: ein Nachtwächter verdient hier für 12 stündige Schichten zwischen 1’900 und 2’000 Bolivianos. Im Monat! So ist, was für uns Touristen billig ist, für viele Bolivianer unerschwinglich.

Die letzte Woche hatte aber auch einen positiven Höhepunkt. Am Donnerstag haben mir die Zimmermädchen und Gärtner gleich nach dem Frühstück Blumen und Schokolade gebracht, mich umarmt und mir zum Geburtstag gratuliert. So ging es den ganzen Tag über weiter, der mit einem Abendessen mit Freunden endete. Dabei haben wir uns versprochen, uns wieder zu treffen, wenn ich zurückkommen werde um mich um mein Auto zu kümmern. Das muss nämlich bis zum 19. November zurück in Chile sein. Hier verkaufen kann ich es nicht, zu gross wäre der bürokratische Aufwand und der finanzielle Verlust. Ausserdem würde es Wochen bis Monate dauern.

Wer weiss, vielleicht kann ich im November meiner Reise bereits fortsetzen. Ansonsten komme ich im nächsten Jahr zurück um meinen Traum, einmal mit der Andenbahn zu fahren und Machu Picchu zu sehen, in die Realität umzusetzen.

Krank in Bolivien

Montag, 11. Juli 2011

Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas. Ein Grossteil der Landbevölkerung hat keine Krankenkasse. Deshalb muss in der medizinischen Versorgung alles möglichst einfach sein, was aber nicht bedeutet, dass sie deswegen schlechter oder weniger effizient ist als in der Schweiz. Das habe ich selber erfahren.

Begonnen hat alles mit einem grippalen Infekt. Da die Übelkeit danach nicht weg ging, habe ich mich entschlossen einen Arzt aufzusuchen. Eva, die Hotelmanagerin und gute Seele des Hotels Kolping, konnte mir mit einer Adresse helfen: ihr ehemaliger Trauzeuge ist Gastroenterologe. So bin ich noch am selben Abend um 19.30 Uhr zu Javier Arduz gefahren und habe doch ein bisschen gestaunt, dass ich als erstes 100 Bolivianos (zirka 15 Franken) der unter einer Treppe sitzenden Sekretärin bezahlen musste. Ich habe später erfahren, dass eine Vorauszahlung üblich ist, wohl eben weil viele Leute keine Krankenkasse haben. Wer nicht bezahlen kann, wird nicht behandelt. Die 100 Bolivianos waren für die erste Untersuchung, für die späteren Konsultationen musste ich nichts mehr bezahlen!

Javier Arduz hat mich befragt, kurz untersucht und wie sich am nächsten Morgen weisen sollte gleich die richtige Diagnose gestellt: Gastritis. Keine 12 Stunden später wurde eine Endoskopie gemacht, die bestätigte, dass ich eine akute, blutende und chronische Gastritis habe. Benommen vom Beruhigungsmittel bin ich danach wie total betrunken zum Taxi gewankt und habe die Biopsieprobe zum Pathologen gebracht. Auch das ist hier üblich und kostensparend, dass die Patienten ihre Gewebeproben selber ins Labor bringen und danach die Resultate dort abholen.

Ausserdem ist mein Blutdruck viel zu hoch. Ich hatte gehofft, Dank Antibiotika, Schonkost und blutdrucksenkenden Medikamenten bald wieder auf dem Damm zu sein. Aber mein Appetit kam nicht zurück, ich wurde von Tag zu Tag schwächer und musste schliesslich sogar Tatezi zu Monika, einer seit ein paar Jahren hier lebenden Schweizerin die mir zur Freundin geworden ist, bringen, da ich nicht mehr mit ihr spazieren gehen konnte. Bei Monika kann sie in einem riesigen Garten herumrennen und sich wieder einmal so richtig austoben.

Hier im Hotel sind alle wahnsinnig nett und hilfsbereit, bringen mir Tee, Suppe und Früchte aufs Zimmer und fragen mich auf was ich zum Essen Lust hätte. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es mir ergangen wäre, wenn dies in einem der sehr einfachen Hotels passiert wäre. Ob meine Reise bald vorzeitig zu Ende sein wird?

Glückstreffer

Montag, 4. Juli 2011

Ich hatte es kaum zu hoffen gewagt, dass wir in diesem Hotel unterkommen könnten. Es sah so sauber und gepflegt aus, war von Blumen umgeben und hatte einen Parkplatz. Trotzdem bin ich mit Tatezi zur Rezeption gegangen – und welch freudige Überraschung, wir wurden aufgenommen. Während dem Ausfüllen des Anmeldeformulares habe ich wohl mit meiner Hündin gesprochen, denn plötzlich sagte jemand hinter mir: „Grüezi“. Es war Eva, die Hotelmanagerin, eine in der Schweiz aufgewachsene Griechin.

Ich habe mich vom ersten Moment an wohlgefühlt im Hotel Casa Kolping in Sucre und so war für mich schnell klar, dass ich hier sechs Wochen bleiben und einen Spanischkurs besuchen würde. Da ich nicht wie ursprünglich geplant in Bussen reisen kann, fehlt es mir an Gelegenheit mit Leuten zu sprechen und meine Spanischkenntnisse haben sich noch überhaupt nicht verbessert. Ich hatte genug von meinem mühsamen Gestotter.

Eva hat mir die Sprachschule des Instituto Cultural Boliviano-Alemán empfohlen, und auch das war ein Glückstreffer. Die Schule ist klein, es hatte niemanden, der auf meinem Niveau Unterricht brauchte, und so habe ich jeden Tag 1 1/2 Stunden Privatunterricht in Grammatik und zweimal in der Woche 1 1/2 Stunden Konversation. Das fordert mich so sehr, dass ich noch kaum dazu gekommen bin mir Sucre, die weisse Stadt, anzusehen. Ich sinke jeden Abend todmüde ins Bett.

Beim Institut befindet sich das KulturCafé Berlin, wo es mal deftige, deutsche Hausmannskost mal bolivianische Spezialitäten gibt. Und wie es der Name sagt, wird auch Kultur angeboten, in Form von Ausstellungen, Konzerten und Filmen. Kurz, ein Lokal, in dem man sich wohlfühlt.

Auch bin ich froh, kann ich die Schule zu Fuss erreichen, denn ehrlich gesagt macht mir die hiesige Fahrweise in Städten ein bisschen Angst. Ich weiss nicht, ob die Autos hier keine funktionierenden Blinker haben – ich habe auf jeden Fall noch nie einen bei der Arbeit gesehen. Dafür wird vor jeder Kreuzung gehupt. Im Reiseführer steht: „Die Verkehrsregeln entsprechen denjenigen in Europa. Doch in der Praxis hat oft der Stärkere Vorfahrt.“ Das scheint zu stimmen und so wage ich mich nur sehr zaghaft über Kreuzungen. Die Strassen sind zum Teil so eng, dass vor dem Kreuzen die äusseren Spiegel zurückgeklappt werden müssen. Auch das ist nicht unbedingt nach meinem Geschmack.

Tatezi und die Strassenhunde

Samstag, 25. Juni 2011

Eine meiner grössten Ängste im Vorfeld der Reise war gewesen, wie Tatezi und ich mit den Strassenhunden klarkommen würden. Wäre es nicht verboten, ich hätte wohl Pfefferspray zur Abwehr mitgenommen. Als Alternative hatte ich mir überlegt, würde sicher auch Haarspray allfällige vierbeinige Angreifer in die Flucht schlagen. Die Zoologin Sonja Doll hat mir allerdings zu einer anderen, mir eher entsprechenden Methode geraten: stets Leckerchen mitzuführen, die bei Bedarf den Hunden zugeworfen werden könnten. Da Strassenhunde nicht gerade an Fettsucht leiden, würden sie sich lieber über das unerwartete Futter hermachen als meine Hündin zu belästigen und uns bliebe Zeit, uns zu entfernen.

Doch meine diesbezüglichen Sorgen waren, wie viele andere auch, überflüssig gewesen. Sind wir in bewohnten Gegenden unterwegs, wo ich Tatezi an der Leine führe, beobachte ich sie einfach und überlasse meist ihr den Entscheid, wie sie mit den Artgenossen umgehen soll. Strassenhunde kommen selten alleine daher, da kann ich nicht gut von ihr verlangen, dass sie brav „Fuss“ neben mir weiterzottelt, während die fremden Hunde ihr am Hinterteil schnuppern. Kommen uns die Hunde entgegen, bleibt sie erstmals abwartend stehen und gibt oft mit einem Schwanzwedeln zu verstehen, dass sie friedlich gesinnt ist. Nach einem kurzen, gegenseitigen Beschnuppern genügt meist ein von mir deutlich ausgesprochenes „No“ und die Hunde verziehen sich. Sie haben wohl alle schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Manchmal jedoch ignoriert sie die Hunde einfach. Ich weiss nicht, ob die ihr gleichgültig sind, oder ob sie ein bisschen Angst vor ihnen hat.

Einmal wurde sie allerdings arg bedrängt, von einem Rüden, der grösser als sie war. Kein Strassenhund, wie am Halsband zu erkennen war. Er wollte sie unbedingt besteigen, hat sie auch gekniffen, was sie mit einem Winseln mitteilte. Da bin ich dazwischen gegangen, habe den Angreifer angeschrien und ihm mit dem Knie gegen den Kopf gestossen bis er sich verzog. Am nächsten Tag kam er wieder, diesmal war Tatezi frei. Sie wollte wohl spielen, er einfach den Macho raushängen. Sie sind über den Strand gerannt, dass der Sand nur so aufstob. Und wenn er sie bedrängte, hat sie sich gewehrt und ihn angeknurrt. Bis er plötzlich aufgab und feige davon schlich. Tapferes Mädchen.

Hunde werden, wie Katzen auch, in Südamerika selten kastriert. Gibt es Nachwuchs, hat mir die Tierärztin in Chile gesagt, wird dieser ertränkt. Nicht viel besser ergeht es den Hunden, die als lebendige Alarmanlage gehalten werden. Oft sind sie in einem winzigen Vorgarten, ohne Schatten, Tag und Nacht eingesperrt und bellen jeden Vorübergehenden an bis sie heiser sind. Ein Hundeleben.

Träume und Realität

Donnerstag, 16. Juni 2011

Mit Bolivien habe ich eines jener Länder erreicht, von denen meine Jugendsehnsucht gehandelt hat. In meinen damaligen Träumen kamen frabenfroh gekleidete, tanzende und lachende Menschen vor. Wilde Berglandschaften und immergrüne Dschungel. So wie uns die Werbung suggeriert, dass diese Länder seien. Aber weder Schmutz noch Armut habe ich mir damals vorgestellt. Und obwohl ich natürlich gewusst habe, dass diese Traumbilder kaum der Wirklichkeit entsprechen würden, war ich geschockt ob dem Dreck und den bettelnden Menschen. Ob den winzigen Häusern, die zum Teil sogar halb zerfallen sind.

Auch die Strassenhunde taten mir leid, die sich aus den Abfallbergen ernähren. Ich glaube allerdings kaum, dass sie Hunger leiden müssen, denn Essensreste werden wie Plasitkflaschen und anderer Abfall einfach auf die Strasse geworfen. Und natürlich hebt niemand den Kot all der Hunde auf, so dass ein Spaziergang mit Tatezi oft zum reinsten Ballanceakt zwischen all den Häufchen wird.

Und dann die Diskrepanz zu den Stadtzentren, mit den prächtigen, renovierten Häusern, die auch sauber sind. Es hat mich beelendet. Alleine in meinem kargen Hotelzimmer habe ich mich gefragt: warum bloss bin ich hier? Was tue ich hier?

Doch dann kam die Fahrt von Oruro nach Potosí und drei Tage später weiter nach Sucre. Eine Fahrt, laut meinem Reiseführer durch eine der schönsten Landschaften Boliviens. Das war die wilde Berglandschaft, die ich mir vorgestellt hatte! Die Strasse führte in unzähligen Kurven immer wieder bergauf und dann ebenso rasant hinunter. Ich bin ganz gemählich gefahren, Verkehr hatte es praktisch keinen, und konnte mich kaum sattsehen an der farbenvielfalt dieser Berge. Und ich wusste wieder, warum ich auf dieser Reise bin.





Bienvenida a Bolivia

Donnerstag, 9. Juni 2011

Der Abschied von Arica fiel mir nach fünf Wochen in dieser Stadt schwer. Ich war träge geworden, hatte mich an das angenehme Klima mit täglichem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen gewöhnt, mich mit dem Hotelpersonal angefreundet und den nahe gelegenen Strand geschätzt. Doch es wurde Zeit, weiter zu ziehen.

Die Fahrt zur Grenze nach Bolivien führte mich wieder durch den Parque National Lauca. Aus Fehlern lernt man – ich auch. Und so habe ich zweimal im auf 3‘750 m hoch gelegenen Putre übernachtet, bevor ich die Fahrt hinauf zur auf 4‘517m über Meer gelegenen Grenze gewagt habe. Mittlerweilen war ich mit der Bürokratie Südamerikas bestens vertraut und so hat es mich nicht überrascht, dass der Grenzübergang volle vier Stunden gedauert hat. Ohne warten, nur zur Absegnung meiner Papiere. Deshalb habe ich anschliessend im ersten grösseren Dorf in Bolivien ein Hotel gesucht. Gefunden habe ich eine Unterkunft, die mich inklusive Garage drei Franken gekostet hat. Der Komfort war entsprechend, das Gemeinschaftsbad hat dermassen nach Pisse gestunken, dass ich auf das Duschen verzichtet habe.

Oruro, mein zweiter Halt in Bolivien, an dem ich noch die Haftpflichtversicherung für dieses Land abschliessen musste, hat ein Stadtzentrum mit prächtig restaurierten Häusern. Meine „Residenz“ lag etwas ausserhalb und war preislich mit zirka acht Franken immer noch sehr günstig. Frühstück gab es keines und so musste ich mich mit einem Tee und frittiertem Teig in einer Strassenküche zufrieden geben. Aber wie habe ich mein eigenes Bad geschätzt! Dass ich nur an einem von drei Tagen warmes Wasser hatte, fand ich nicht so schlimm. Bin dafür zum ersten Mal auf dieser Reise zum Coiffeur gegangen.

Fabrizio, mein Coiffeur in der Schweiz, würde sich sicher beklagen, wenn seine Künste mit denjenigen der bolivianischen Kollegin in einem Atemzug genannt würden. Die Coiffeuse schleppte erst zwei Eimer mit extra erwärmtem Wasser und einen leeren an. Ein Schöpfgefäss diente zum Waschen meiner Haare, wobei ich den Verdacht hatte, dass nicht alles Shampoo entfernt worden war, und um das Schmutzwasser aus dem Auffangbecken zu entfernen. So schnell wurden meine Haare noch nie geschnitten, wie von dieser mürrischen Frau. Das Resultat war entsprechend: auf einer Seite war das Haar mindestens 1,5 cm länger als auf der anderen und hinter dem Ohr hing ein Büschel in der ursprünglichen Länge hinunter. Mit grimmigem Gesichtsausdruck, die Schere drohend in der Hand, hat die Coiffeuse in diesem Moment zum ersten Mal mit mir gesprochen und gefragt, ob das in Ordnung sei. Ich habe mich beeilt zu bejahen, denn wer weiss, was sie sonst noch mit der Schere angestellt hätte?

Stammgäste

Freitag, 3. Juni 2011

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als mich bereits beim dritten Besuch des Restaurants ES3 der Chef mit einem Wangenkuss begrüsst hat. Wow, hier ist man offenbar schnell Stammkunde, habe ich mir gedacht. Auch im Dimango, meiner Stammbeiz, haben mich alle schon nach kurzer Zeit gekannt und mir meine Extrawünsche mit einem „ist ein Geschenk des Hauses“ erfüllt. Mehrmals habe ich nämlich als Beilage den Kartoffelstock mit Kapern gewünscht, den es eigentlich nur zum Filet geben würde.


Stammkunde waren wir in Arica leider auch bei der Tierärztin. Zuerst mussten wir zweimal zu ihr gehen um uns das für die Ausreise benötigte Gesundheitszeugnis zu besorgen. Welches ja dann leider verfallen ist, bis ich endlich den Fahrzeugausweis erhalten habe. Am Tage bevor ich dieses wichtige Autopapier abholen konnte, zeigte Tatezi durch häufiges Kratzen am Ohr, begleitet von einem Winseln, dass sie Schmerzen hatte. Bin ich bei einem Blick in das betroffene Ohr erschrocken! Ein dunkelbrauner Belag, den ich irrtümlicherweise für getrocknetes Blut gehalten habe, überzog die Ohrmuschel und war bis tief im Ohr zu sehen. Die Tierärztin Anes Inés Campos Hernández konnte mich beruhigen. Was ich für Blut gehalten hatte, waren Ohrmilben, die meine Hündin vermutlich am Strand aufgelesen hatte, und Sekrete. Nach einer Spritze mit einem Antibiotikum hat sie das Ohr gründlich mit Essig ausgewaschen. Diese nicht sehr angenehme Reinigung mussten wir acht Tage lang machen lassen.

Ana Campos hat ein grosses Herz für Tiere. Nicht weniger als sieben Katzen beherbergt sie, alles ehemalige Strassenkatzen, die sie adoptiert hat. Auch bei mir hat ein junges Büsi um Asyl nachgefragt. Eines Abends hat es kläglich vor meinem Fenster gemauzt. Ich habe an der Rezeption nachgefragt, ob es wohl zum Hotel gehöre? Das hätte ich besser sein lassen, denn darauf wurde das verängstigte Tier energisch davongejagt. Schlau, wie wohl Strassenkatzen zum Überleben sein müssen, hat sie gespürt, dass sie mich weichklopfen kann und hat sich erneut laut miauend vor meinem Fenster positioniert.

Da ich eben an jenem Tag Wienerli gekauft hatte um mit Tatezi zu trainieren, habe ich eines davon für die hungrige Seele in kleine Stücke geschnitten. Um nicht von der Rezeptionistin erwischt zu werden, bin ich damit über den Balkon geklettert. Tatezi, meine Superhündin, die ansonsten schon eifersüchtig bellt wenn ich nur einen anderen Vierbeiner anschaue, hat mich nicht verraten und war ganz ruhig. Auch am nächsten Tag kam die Katze wieder um sich Futter zu holen. Da unterdessen auch andere Hotelgäste einen Narren an ihr gefressen hatten, wurde sie nun sogar in der Rezeption geduldet.

Um weiteren unerwünschten Nachwuchs zu verhindern, habe ich die Katze kastrieren lassen. Dabei stellte sich heraus, dass es ein Kater ist, dem ich den Namen Morro gegeben habe. Mit ein paar Säcken Futter musste ich mich am nächsten Tag von ihm verabschieden.

Bürokratie nach chilenischer Art

Sonntag, 29. Mai 2011

Vor zwei Monaten habe ich in Osorno ein Auto gekauft. Den Fahrzeugausweis konnte man mir damals nicht ausstellen, da noch eine Schuld des Vorbesitzers auf dem Auto eingetragen gewesen ist. In ein paar Tagen, so versprach man mir, sollte ich ein entsprechendes Dokument via Internet herunterladen können. Denkste.

Ich habe die Fahrt durch Chile auch ohne Fahrzeugausweis genossen und die beiden Polizeikontrollen, einmal weil ich zu schnell gefahren bin und das andere Mal weil meine Tochter die ausgezogene Sicherheitslinie noch knapp überfahren hat, verliefen ohne Probleme. Und Busse gab es keine – weil wir Ausländerinnen sind.

In Arica, meiner letzten Station in Chile, habe ich mich nochmals erkundigt und bekam versichert, dass ich mit meinen Papieren ausreisen könne. Also mit Tatezi zur Tierärztin für das Gesundheitszeugnis und danach mit dem zur SAG, dem Amt, das unter anderem für die Ein- und Ausfuhr von Tieren zuständig ist. Tja, und dort kam ich mit Fabiola Montaluan und ihrem Kollegen Jorge Castro ins Gespräch. Eine Ausreise mit diesen Papieren sei unmöglich, beschieden mir die beiden. Jetzt begann ein Kampf gegen die Zeit, denn Ausreisedokumente für Tiere sind nur sieben Tage gültig, den ich, das sei vorweggenommen, verloren habe. Die beiden hilfreichen SAG-Beamten haben zwei Stunden lang herumtelefoniert, um für mich einen Ausweg zu finden.

Eine provisorische Lösung wäre Dank Absprache mit der diensthabenden Zollbeamtin möglich gewesen, wenn ich eine notariell beglaubigte Aussage des Vorbesitzers hätte beibringen können, in der dieser bestätigte, dass ich mit „seinem“ Auto für eine bestimmte Zeit das Land verlassen dürfe. Was hätte mir das genutzt, ich wollte ja Chile definitiv verlassen. Also bin ich am Montag darauf zum Zivilstandsamt gefahren, wo es auch den Fahrzeugausweis gibt. In Osorno würde man die Fotokopie meiner RUT (ist eine Steuernummer) nicht akzeptieren, hiess es dort. Eine neue Fotokopie des genau gleichen Dokumentes wurde gemacht und nach Osorno geschickt. In 10 bis 15 Tagen sollte ich dann meinen Fahrzeugausweis abholen können. Denkste!

Diesmal hat ein anderes Papier in Osorno gefehlt. Was half es mir, dass ich eine Fotokopie jenes in Osorno ausgestellten Papieres inklusive Quittung des dafür bezahlten Betrages vorweisen konnte? Also haben wir genau das gleiche Dokument in Arica nochmals ausgestellt, ich habe dafür nochmals bezahlt und das Papier wurde nach Osorno geschickt. Ich habe gewusst, dass wütend werden und fluchen nichts bringen würde. Beamte sitzen nun mal am längeren Hebel. Also habe ich an den in jedem Südamerikaner schlummernden Macho appelliert und den Beamten angefleht, mir Bitte, Bitte zu helfen. Und siehe da, nur vier Tage später hat er mir via Mail mitgeteilt, dass mein Fahrzeugausweis da sei!

An einem Tag von Null auf 4750 Meter

Samstag, 21. Mai 2011

Ein bisschen Respekt hatte ich schon vor der Fahrt in den Parque Nacional Lauca, denn die führt an einem Tag von Meereshöhe auf 4750 m. In meinem Reiseführer steht dazu, Ärzte würden davon abraten. Wohl waren wir in San Pedro de Atacama bereits einmal kurz auf 4950 m, aber das war nach ein paar Tagen der Akklimatisation in unserem „Basislager“ auf 2500 m gewesen. Und deshalb war ich sehr froh, diesen Ausflug mit einem Kollegen unternehmen zu können, dem ich gerne auch das Steuer überlassen habe.

Wieder einmal hatten wir Wüste zu durchqueren, die gleich hinter Arica beginnt und in der wir auf Kandelaberkakteen gestossen sind. Diese können in ihrem breiten Sockel aus der Luft gewonnenes Wasser speichern. Unterwegs haben wir im auf 3500 m Höhe liegenden Putre Zimmer gefunden. Wohl wegen der Grenze zu Bolivien verfügt der kleine Ort über ein Militärlager, Soldaten waren denn auch stets präsent. Nachdem wir unseren Durst in einer hübschen Cafeteria, der das Stroh wie Stirnfransen vom Dach hing, gelöscht hatten, zog es uns gleich weiter, zum Park hinauf. Die Vegetation ist spärlich in dieser trockenen Höhe. Am Horizont erheben sich die Sechstausender Parinacota, Sajama, Quisiquisini,Guallatiri und Quimsachatas. Irgendwann führte uns der Weg zu der Sumpflandschaft der Lagunen. Und dann sahen wir ihn, den Lago Chungará, einen der höchstgelegenen Seen der Welt, vor den schneebedeckten Bergen liegend. Sein tiefes Blau steht in eindrücklichem Kontrast zum Grau der Felsen und dem Schnee. Wir haben uns überlegt, dass wir in der Schweiz ja alle ein bisschen stolz auf unsere Viertausender sind. Und hier standen wir auf 4750 m und uns gegenüber erhoben sich mächtige Berge.

An der bolivianischen Grenze mussten wir umkehren, wir hatten ja nicht nur für diesen einen Ausflug das ganze Prozedere mit Tierarzt und Amt für einen Grenzübertritt Tatezis gemacht. Wie wir da einen Moment angehalten hatten, kamen ganz neugierige Lamas und hätten wohl den Kopf ins Auto gesteckt, wenn wir nicht vorsorglich dieses sofort geschlossen hätten. Genau so langsam wie wir hochgefahren waren, unternahmen wir den Rückweg zum Hotel hinunter. Ich musste trotzdem für den Leichtsinn, das alles an einem Tag gemacht zu haben, mit heftigen Kopfschmerzen büssen. Habe mich gleich nach der Ankunft im Hotel ohne Abendessen ins Bett gelegt und Tatezi dem Kollegen überlassen. Die Warnung der Ärzte hat wohl ihre Berechtigung.




Stadt des ewigen Frühlings

Sonntag, 15. Mai 2011

In Arica lässt es sich gut leben. Der nördlichsten Stadt Chiles wird nachgesagt, hier herrsche immer Frühling. Die Temperaturen schwanken das ganze Jahr über zwischen 19 und 25 Grad, die Wassertemperatur des Pazifiks liegt konstant bei 22 Grad. Und 20 Kilometer Strand hat auch nicht jede Stadt.

Arica hat mir rund 190‘000 Einwohnern eine angenehme Grösse, ist sauber und soll die sicherste Stadt in Chile, dem sichersten Land Südamerikas sein. Der Morro de Arica, der 130 m hohen „Hausberg“, gewährt eine fantastische Aussicht auf den Hafen und die Stadt. Eine autofreie Einkaufsmeile mit vielen Strassenkaffees lädt zum Flanieren ein. Ich liebe diese kleinen Beizlein, denn dort kann ich ohne Probleme mit Tatezi hin. In Restaurants hingegen sind Hunde meist tabu. Ich konnte es wirklich kaum glauben, aber hier konnte ich sie sogar mit ins Kunsthaus nehmen.

Bereits beim fünften angefragten Hotel hätten wir hier ein Zimmer bekommen, nur kam dann leider die Chefin dazu und hat gesagt, ich könne nur eine Nacht bleiben, da am nächsten Tag eine Gruppe von 40 Leuten erwartet würde. Das half mir wenig, denn ich hatte geplant, eine Woche in Arica zu bleiben. So habe ich die Suche ausgedehnt und bin am Stadtrand auf ein Aparthotel gestossen. Ha, da haben wir wieder einmal Glück gehabt, denn dort bekam ich tatsächlich eine 4 ½ Zimmerwohnung, günstiger als das kleine Hotelzimmer gewesen wäre! Fünf Minuten zu Fuss vom kilometerlangen Strand entfernt. War das herrlich, endlich wieder einmal Platz zu haben! Und einen grossen Tisch zum Schreiben. Als mich ganz unerwartet für ein paar Tage ein Kollege besuchen kam, habe ich die Wohnung, die sogar über zwei Badezimmer verfügt, noch mehr geschätzt.

Ich wollte eine Woche bleiben, weil einiges zu erledigen war. So musste ich mich noch auf die Weiterreise nach Bolivien vorbereiten. Und wegen den starken Medikamenten, die ich gegen meine chronische Polyarthritis nehmen muss, ist eine Überprüfung meiner Blutwerte alle zwei Monate empfohlen. Die war also längst überfällig. Habe ich zu Hause hie und da ein bisschen gemurrt, wenn ich beim Hausarzt habe warten müssen, so weiss ich jetzt, dass verglichen mit hier dazu kein Grund besteht. Drei Stunden dauerte es, bis mein bisschen Blut analysiert war. Danach hätte ich mit den Resultaten einen Arzt konsultieren sollen. Da aber hierfür nochmals mit mindestens 1 ½ bis 2 Stunden Wartezeit zu rechnen war, habe ich verzichtet. Ich kenne ja mittlerweilen die Werte und habe gesehen, dass alles im Normbereich war. Mir war nämlich gar nicht wohl beim Gedanken, dass Tatezi seit Stunden alleine in der Wohnung war. Meine Sorge war allerdings unbegründet. Meine brave Hündin war offenbar lammfromm und hat nicht ein einziges Mal gebellt.



Reisen macht müde

Freitag, 6. Mai 2011

Das war eine traurige Abfahrt vom Flughafen Calama. Nachdem ich mich um 7 Uhr von meiner Tochter verabschiedet hatte, überfiel mich unvorhergesehen und ganz heftig Heimweh. Ich wäre am liebsten mit ihr zurück in die Schweiz geflogen, hatte die Lust am Reisen verloren.

Unbewusst hatte ich das aber vermutlich geahnt, denn ich hatte mir für diesen Tag vorgenommen, nur bis Tocopilla, der nächsten Stadt am Meer, zu fahren. Bereits um 9.15 Uhr war ich dort – und enttäuscht. Ron, unser Guide in San Pedro de Atacama, hat wahrlich noch untertrieben, als er gesagt hatte, Tocopilla sei nicht eine der schönsten Städte Chiles. Der Ort ist potthässlich. Schmutzig, heruntergekommen, mit Industrie und keinem Strand, der zum Spazieren einladen würde. Die paar wenigen, schön restaurierten Häuser haben mich nicht zum Bleiben bewegen können.

So bin ich der Küste entlang Richtung Norden gefahren, mit der Hoffnung, irgendwo auf ein hübsches, kleines Städtchen zu stossen. Ein paar idyllische Dörfer habe ich tatsächlich gefunden, nur waren die zu klein, ohne Infrastruktur wie Hotels oder Cabañas. Und so war ich plötzlich in Iquique.

Am Stadtrand haben wir eine Cabaña mit Blick auf das Meer gefunden. Genau das, was ich gebraucht habe, denn ich war müde von elf Wochen des Reisens. So viele Eindrücke, meist gute aber auch ein paar schlechte, die erst einmal verarbeitet werden mussten. Und meine Wunden, die seelischen und physischen, bedurften der Pflege. Das trockene Klima von San Pedro de Atacama hatte meiner Haut arg zugesetzt. Meine Füsse sahen aus wie Dinosaurierklauen, waren voller tiefer, blutender Schrunden, die Lippen aufgesprungen und die Nasenschleimhaut hat geblutet. So waren Tage intensiver Körperpflege angesagt. Gegen das Heimweh habe ich mir ausführliche Spaziergänge am Strand mit Tatezi verordnet. Und gegen meine Müdigkeit viel Ruhe. Iquique soll eine schöne Stadt sein, doch ich habe bewusst darauf verzichtet, mich in das Gewühl einer grossen Stadt zu stürzen.

Auch Tatezi sah mittlerweilen aus wie ein schmutziger Strassenköter, ihr weisses Fell hatte die braun-rötliche Farbe vom Sand der Wüste angenommen. Bei ihr half eine Dusche, und sie war wieder meine hübsche Hündin, der mein Programm in Iquique bestens gefallen hat.

San Pedro de Atacama – Stadt in der Wüste

Samstag, 30. April 2011

Die Sehenswürdigkeiten von San Pedro de Atacama müssen verdient werden mit einer Fahrt über hunderte von Kilometern durch die trockenste Wüste der Welt. Wir haben unterwegs in Antofagasta und Calama Halt gemacht, denn zu lange können wir an einem Tag nicht fahren.

Für San Pedro de Atacama hatten wir sechs Tage eingeplant. Zum Glück, denn einen davon haben wir ganz anders verbracht als vorgesehen: gegen Morgen ist Gabriela mit Durchfall erwacht. Um 8 Uhr musste sie erbrechen, hatte aber noch kein Fieber. Doch nur zwei Stunden später war ihre Temperatur auf 39,5 Grad gestiegen! Es war Zeit zu handeln, wir haben die örtliche Notfallstation aufgesucht. Dort hat man uns beschieden, dass sie für Laboruntersuchungen ins Spital nach Calama müsse, eine Stunde Fahrt durch die Wüste entfernt.

Ron, unser Guide für drei Touren, hat sich anerboten mit ihr zu fahren, so konnte ich bei Tatezi bleiben. Mit schlechtem Gewissen, denn kaum waren die beiden weg, habe ich mir die schrecklichsten Dinge ausgemalt: „Was, wenn das Fieber weiter steigt und sie mitten in der Wüste sind?“ Das waren neun sehr lange Stunden, bis meine Tochter endlich zurück war. Noch etwas schwach, aber Dank erhaltener Infusion und Medikamenten bereits auf dem Weg der Besserung. 24 Stunden später war der Spuk vorbei. Vermutlicher Auslöser davon war ein Salat gewesen, den sie am Abend zuvor gegessen hatte. Der Koch des Restaurants wohnt in derselben Lodge, in der wir einquartiert gewesen sind, und er wusste allerdings einen anderen Grund. Er hat gemeint, sie hätte sich einfach überessen. Eine gute Ausrede ist allemal einen Batzen Wert.

Am nächsten Tag konnten wir uns endlich daran machen, die Umgebung selber zu erkunden. Alleine sind wir zu den bizarren Felsen „Monjes de Pacana“ gefahren, die wie künstlich erschaffene Skulpturen in der Wüste stehen. Ron hat uns zu den Lagunen Miscanti und Cejas gefahren, die malerisch vor dem Hintergrund von Vulkanen liegen. Den Sonnenuntergang haben wir auf einem Salzsee erlebt. Auf der dritten Tour führte uns unser Guide zu den Geysiren von Tatio. Dabei warnte er uns ausdrücklich davor, nicht hinter die mit Steinen markierte Absperrung zu treten. Der eine oder andere Tourist sei schon in einen Geysir gefallen und so zu Tode gekommen. Deshalb habe ich Tatezi natürlich an ganz kurzer Leine gehalten. Ich nehme an, die Tour am gleichen Abend, die uns durch das Valle de la Muerte und das Valle de la Luna geführt hat, hat ihr besser gefallen, denn dabei konnte sie im Sand herumtoben. Wir allerdings waren ein bisschen traurig, denn es war Gabrielas letzter Abend in Chile




PS: Wer kommt mich jetzt besuchen? 😉

Wo der Pfeffer wächst

Sonntag, 24. April 2011

Wenn man jemanden dahin schickt wo der Pfeffer wächst, dann wünscht man sich die Person möglichst weit weg. Ich kann die Verbannten trösten: so übel ist es dort gar nicht. Wenn man sehr viel Sonne mag. Wir sind dem scharfen Gewürz zum ersten Mal bewusst im Valle de Elqui begegnet. Schroffe Wüstenberge umrahmen das schmale, fruchtbare Tal, in dem vor allem Trauben wachsen.


Auf dem Weg nach Pisco Elqui sind wir in Monte Grande auf Spuren von Chiles zweiter Nobelpreisträgerin gestossen, die Schule, an der Gabriela Mistral unterrichtet hat. Pisco Elqui zeichnet sich durch Vorzüge ganz anderer Art aus: verschiedenste Massagen und alternative Therapien werden angeboten und Räucherstäbchen erinnern an die Hippiezeit, die hier bewusst immer noch zelebriert wird. Wir haben den diversen Versuchungen widerstanden, nicht aber dem reichhaltigen Angebot an Pisco Sour, Chiles Nationalgetränk. Dieser Aperitif wird auf der Basis von Traubenschnaps gemacht, dem steiff geschlagenes Eiweiss, Limettensaft, Zucker, Wasser und Eis beigefügt werden. Zur Besichtigung einer entsprechenden Destillerie reichte uns dann aber die Zeit nicht mehr, weil uns das Bargeld ausgegangen ist und der nächste Bankomat eine Stunde Autofahrt entfernt war. Seither achten wir nicht nur darauf, dass der Benzintank immer mindestens halbvoll ist, sondern auch dass wir genügend Bargeld haben, um vier Tage zu überleben. Denn mit Kreditkarte kann man natürlich in so einem abgelegenen Dorf auch nicht bezahlen.

Nach dem Abstecher ins Landesinnere hat uns unser Weg wieder an die Küste geführt, nach Punto Choros, ins Reserva Nacional Pingüino de Humboldt. Das Boot, welches uns zu der Insel fahren sollte, war wirklich nur eine Nussschale. Ich fragte mich ängstlich, wie sich da drin Tatezi ruhig verhalten sollte, bei der doch leicht bewegten See. Schliesslich liess ich mich zum Mitfahren überreden. Aber Tatezi bockte, sie traute dem Boot offenbar nicht. Ja, sie hat sogar bevor sie überhaupt an Bord war, bereits gekotzt. Was mir nur Recht war, denn kurz zuvor hatte sie, während wir diskutierten, einen toten, grünlich-gelben Fisch verschlungen. Ich hatte ihn zu spät gesehen und meine Hündin kann alles essbare unheimlich schnell verschlingen. Aber offenbar weiss ihr Magen, was ihr schaden würde. Ein paar kräftige Männer liessen sich dadurch nicht beeindrucken und hoben sie kurzerhand ins Boot.

Ich habe es nicht bedauert, dass ich mich von meiner Tochter zum Mitfahren habe überreden lassen. Tatezi war, einmal an Bord, ganz ruhig. Bis die Delphine kamen, da musste sie kurz bellen, denn so etwas hat sie noch nie gesehen. Aber nicht nur sie. Rund ein Dutzend dieser edlen Tiere schwammen um unser Boot, eskortierten uns eine Weile und verschwanden dann wieder. Auf der Insel boten Seelöwen, Robben, Pinguine und jede Menge Vögel ein Naturspektakel der Sonderklasse.


Valparaíso, eine Stadt der Gegensätze

Donnerstag, 14. April 2011

Nach den vielfältigen Naturerlebnissen war für einmal ein bisschen Kultur und Grossstadt angesagt. Mit Günter hatten wir einen hervorragenden Gastgeber und Führer durch die seit 2003 zum Welterbe der UNESCO zählendenden Stadt Valparaíso.

Der deutsche Günter, der vor sieben Jahren mit seiner chilenischen Frau Erika nach Chile ausgewandert ist, wollte ursprünglich hier einfach sein Rentenalter geniessen. Das tut er auch. Aber daneben bewirtet er von Zeit zu Zeit Reisende und zeigt ihnen Valparaíso und Umgebung, führt sie zu Plätzen, die in keinem Reiseführer erwähnt sind. Dabei weiss der sozial engagierte Hobbyreiseführer viel über die Geschichte und Kultur des Landes zu erzählen.

Natürlich hat er uns vom Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda berichtet, der sich vehement gegen den Faschismus engagiert hatte, bevor wir dessen Haus, das heute ein Museum ist, besucht haben. Dieses Haus zeugt von der grossen Fantasie des 1973 verstorbenen Dichters. Zuoberst auf einem der 45 Hügeln der Stadt klebt es wie ein Vogelnest an einer Klippe und gewährt einen berauschenden Ausblick auf die Stadt und das Meer. Neruda war ein begeisterter Sammler und so ist sein Haus voller Trouvaillen , vom chinesischen Schrank im Schlafzimmer über liebevoll engagierte kleine Kunstwerke bis zu vielen Gemälden. Ich muss mir unbedingt nach meiner Rückkehr einige Werke des unerschrockenen Dichters besorgen.

Auch fast ein Kunstwerk ist die „bunte Strasse“, die sich in der Umgebung von Nerudas Haus befindet, wo sogar die Hausnummern individuell dargestellt sind. Immer wieder stiessen wir auf sorgfältig renovierte Häuser – und unmittelbar daneben klebten vom Einsturz bedrohte Holzbaracken an den Hügeln. Von der Vorliebe für Farbe der Einwohner dieser sehr lebhaften Stadt zeugen auch die zum Teil kunstvoll bemalten, mehr als hundert Jahre alten Standseilbahnen, die auf die Hügel führen. Eine Fahrt mit einer davon ist einfach Pflicht in Valparaíso.


Die rund 300‘000 Einwohner (mit Vororten fast eine Million) zählende Stadt verfügt heute über den einzigen Grosshafen Chiles, nachdem derjenige von Concepción beim schweren Erdebeben vom letzten Jahr zerstört worden ist. So herrscht hier ein reges Treiben, wovon wir uns bei einer Hafenrundfahrt überzeugen konnten. Doch gleich neben dem Frachthafen bieten Fischer ihren Fang wie seit eh und je an.

In der Hühnerfarm

Donnerstag, 7. April 2011

Nachdem wir ein paar Mal finanziell wirklich über die Stränge geschlagen haben, war jetzt Schmalhans angesagt. Aber nur was die Unterkunft anbetraf, landschaftlich folgte ein Highlight dem anderen. Radal ist ein winziges Nest, das fast nichts zu bieten hat: einen Campingplatz, einen Tante-Emma-Laden, ein paar Wohnhäuser und eine „Hühnerfarm“ mit Cabañas. Na ja, eine Hühnerfarm wie wir sie aus der Schweiz kennen, ist es nicht. Auf einem grossen, eingezäunten Gelände laufen Dutzende Hühner und noch viel mehr Küken frei herum, also wirklich glückliche Hühner. Und mitten drin stehen ein paar Cabañas.

So ein Holzhüttchen war für zwei Tage unser zu Hause. Fenster hatte es keine, braucht es wohl auch nicht bei den warmen Temperaturen und im chilenischen Winter werden sich kaum Touristen dorthin verirren. Herausgesägte Bretter können bei Bedarf nachts vor das „Fensterloch“ geschoben werden. Wir haben darauf verzichtet, denn Tatezi ist eine gute Alarmanlage. Anstelle von Türschlössern waren abgebogene Nägel eingeschlagen, die sich wie ein Riegel verschieben liessen. Dass unser Häuschen nicht an die Kanalisation angeschlossen war, hat man leider gerochen und zusammen mit dem Hühnermist ergab das einen doch gewöhnungsbedürftigen Geruch. Ich muss gestehen, ich habe das Ei, das ich mir im Tante Emmaladen als Abendessen gekauft hatte, nicht heruntergebracht. Dafür halt Tomaten, Käse und Brot – was will man mehr? Die tote Kakerlake auf dem Fussboden hat mich nicht weiter gestört.

Gleich gegenüber unserer Cabaña war ein kleiner Fluss, an dessen Ufer wir uns von der Fahrt erholen konnten. Tatezi, die wasserscheu ist, ist sogar beim Spielen mit Gabriela darin geschwommen! Wasser, oder besser gesagt Wasserfälle, waren auch der Grund, warum wir in diese abgelegene Gegend gefahren sind. Im Naturschutzpark Radal 7 Tazas (Tassen) stürzt sich das Wasser von einem Becken ins nächste. Im Moment sind es zwar nicht sieben Tassen, die mit Wasser gefüllt werden, weil sich beim schweren Erdbeben im letzten Jahr Gestein verschoben und sich das Wasser zuunterst einen anderen Weg gesucht hat. Was noch zu sehen ist, hat uns fasziniert.

Am Tage zuvor hatten wir bereits ein Naturschauspiel ganz anderer Art genossen: in Putú ist der Strand bis weit ins Land hinein über viele Kilometer mit grossen Sanddünen bedeckt. Vom Meer her zog am Morgen ein diffuser Dunst, was die Landschaft geheimnisvoll erscheinen liess, da der Horizont nicht mehr zu sehen war. Rings um uns nichts als Sand. Eingeschlagene Pfähle mit Fähnchen verhindern, dass sich Wanderer in diesem Sandmeer verirren. Tatezi ist unzählige Dünen hinauf und hinuntergerannt, so dass sie am Ende unseres Dünentages total erschöpft war. Aber nicht nur sie.



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