Archiv für die Kategorie „Bretagne“

Tatezi fährt zur See

Sonntag, 30. Mai 2010

Es war nicht ihre erste Bootsfahrt, die hat sie schon im letzten Sommer auf dem Rhein erlebt (Maibummel 24. Mai 2009). Aber es ist doch etwas ganz anderes, richtig in See zu stechen, auf den Atlantik! Ich hatte einen Sack voller Wurststückchen dabei, um sie allenfalls an Bord zu locken. Wäre nicht nötig gewesen, meine Hündin ist mir ohne zu zögern auf das Schiff gefolgt und hat sich auf dem Oberdeck gleich hingelegt. Zu Beginn der Fahrt hat sie immer wieder leer geschluckt – oh je, können Hunde seekrank werden? Ich habe schon mal in Gedanken meine Taschentücher gezählt. Doch sie hat sich schnell beruhigt und trotz all der Menschen, dem leichten Schaukeln des Bootes und dem Motorenlärm die meiste Zeit der 1 ¼ Stunden dauernden Überfahrt zur Ile de Sein geschlafen. Bei unserer Ankunft war das Licht gespenstisch, der Nebel hing wie ein Schleier über der kleinen Insel.

Ile de Sein Leuchtturm von Ile de Sein

Nur rund 60ha ist die Ile de Sein gross, an ihrer breitesten Stelle 800m breit und sechs Kilometer lang und ihr höchster Punkt liegt 9m über Meer. Die Menschen, die auf ihr leben, sind seit langer Zeit an ein hartes Leben gewöhnt. Museum Ihre Existenz ermöglichte ihnen einst der Fischfang. Und da Fische leichter zu fangen sind, je stürmischer die See ist, verlor so mancher Mann sein Leben bei der Ausübung seines Berufes. Ja, man sagt gar, früher hätten die Frauen auf der Insel immer schwarz getragen, da sie ständig in Trauer um einen Verwandten gewesen seien. Auch während dem 2. Weltkrieg bewiesen die Sénans ihre Tapferkeit: Als Charles de Gaulle am 18. Juni 1940 über BBC zu den Franzosen sprach, stachen noch in der gleichen Nacht alle Männer der Insel in See und schlossen sich den Streitkräften des Freien Frankreichs an. Ein kleines Museum auf der Insel erinnert heute an diese mutigen Männer. Es war das erste Museum, das Tatezi besuchen durfte!

Heute lohnt sich der Fischfang nicht mehr, die Inselbewohner leben von den Touristen die täglich mit der Enez Sun von Saint-Evette bei Audierne, an der Pointe Du Raz vorbei, hergebracht werden um in diesem Naturschutzgebiet, in dem viele Seevögel brüten, zu wandern, das Dorf, das laut Wikipedia eines der schönsten Frankreichs ist, zu bestaunen oder unbeschreiblich guten Fisch zu verspeisen.

Ile de Sein Enez Sun

Auf der Rückfahrt hat sich Tatezi gleich hingelegt und ganz entspannt auf das Meer hinausgeblickt.

auf der Enez Sun

Am Pointe du Raz

Sonntag, 23. Mai 2010

Pointe du Raz – auch so ein Ort, wie Machu Picchu, der seit Jahren in meinem Kopf herum spuckt. Ich weiss nicht warum dieser westlichste Punkt von Frankreichs Festland diese Faszination auf mich ausübt. Vielleicht lag der Ursprung davon in gesehenen Bildern von hoch an den schroffen Felsen aufspritzender Gischt? Oder in meiner Fantasie, die mir in jungen Jahren wilde Geschichten von Piraten suggerierte?

Diese Woche war es soweit, ich sollte endlich zum Pointe du Raz kommen. Schon Kilometer davor wurde ich ganz kribbelig, begann die Häuser und ihre Umgebung genauestens zu betrachten. Mir schien, die Häuser wurden kleiner, als ob sie sich wegen der oft heftigen Stürme ducken müssten. Es war ein Tag, wie man ihn sich für Ferien nur wünschen konnte: wolkenloser Himmel, beinahe windstill und angenehm warm. Für Ferien im Allgemeinen, aber nicht für einen Besuch auf der Pointe du Raz. In meinen jahrelangen Vorstellungen tobte an diesem Ort ein Sturm, oder er war zumindest nebelverhangen. Zudem hatte das herrliche Wetter einige andere Touristen angelockt, und auch das widersprach meinen Fantasievorstellungen. Also habe ich auf dem Parkplatz, nur ein paar hundert Meter vor dem Ziel, gewendet und bin zu der Ferme in Plogoff ( fermelebars.com ) gefahren, die für drei Tage mein Zuhause sein sollte. So ist Tatezi zu einer nachmittäglichen Wanderung der Küste entlang gekommen:

Klippen Ferme

Am nächsten Morgen war der Himmel tatsächlich wolkenverhangen. Aber wir sind nicht einfach ins Auto gestiegen und zu dem berühmten Punkt gefahren. Nein, das wäre zu einfach gewesen, hätte nicht gestimmt. So einem Ort musste ich mich zu Fuss nähern. Niemand begegnete uns auf der 1 1/2stündigen Wanderung den Klippen entlang. Die Felsen wurden immer schroffer, der Abgrund war jäh und gefährlich nah am Fussweg. Und plötzlich waren sie da, die westlichsten Felsen von Frankreich:

Die westlichsten Felsen von Frankreich

Ein Schwatz am Gartentor

Sonntag, 16. Mai 2010

Die alte Frau stand breitbeinig in ihrem Garten, in der einen Hand eine Gartenschere haltend und mit der anderen strich sie sich immer wieder verlegen eine Strähne ihres dichten, grauen Haares aus dem Gesicht. Wieder einmal war es Tatezi, die der Anlass für ein Gespräch war. Die Frau lobte das schöne Fell meiner Hündin und darauf gab ein Wort das andere. Sie muss sehr einsam sein, in dem Haus an den Klippen, hat auch keine Freunde die sie besuchen und kann den Garten nicht mehr verlassen. „Wissen sie, warum ich mit der Gartenschere den Rasen schneide? – Damit ich etwas zu tun habe und nicht immer an den Tod denken muss.“ Was soll man darauf antworten? Ich musste allerdings gar nichts sagen, denn sie war so froh, wieder einmal jemanden zu haben der ihr zuhörte, dass sie sofort weiter sprach. Ja, sie sei jetzt schon 91 Jahre alt, habe bis vor drei Jahren in Paris gelebt und sei nach einer grossen Operation von ihren Söhnen in dieses Haus gebracht worden. Vermutlich weil einer ihrer zwei Söhne in St. Brieuc wohnt, was doch ein paar hundert Kilometer näher liegt als Paris. Er bringt ihr einmal in der Woche Lebensmittel.

Ihre Augen, die zu Beginn unseres Gespräches den erloschenen Ausdruck hatten, den man oft bei einsamen Menschen sieht, nahmen zunehmend an Glanz an, je weiter zurück die Erlebnisse lagen, von denen sie mir berichtete. Ja, sie könne verstehen, dass sich ihre Söhne, besonders der eine, nicht viel um sie kümmerten, sie sei vermutlich auch nicht immer die perfekte Mutter gewesen. „Ich habe nie getötet und nicht gestohlen, aber sonst halt schon allerhand gemacht. Es hatte Männer rechts und links. Schöne Männer, oh la, la.“ Jetzt strahlten ihre Augen bei der Erinnerung und ihr ganzes Gesicht wurde durch das Schmunzeln um Jahre jünger. Als sie mir von ihrem Bikini erzählt hat, bewegte sie die Hüften keck dazu und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie die Männer bezirzt hatte. Ein besonderer Höhepunkt in ihrem Leben muss für sie gewesen sein, als sie Brigitte Bardot kennen gelernt hat. Auch ein bekannter Schauspieler, dessen Name ich vergessen habe, war Kunde in dem Autohaus, in dem sie damals gearbeitet hat.

Irgendwann mussten wir weiter, die alte Frau in ihrer Einsamkeit zurücklassend. Ihr Schicksal hat mich bewegt, doch weiss ich nicht, ob ich Mitleid mit ihr haben muss, weil sie jetzt einsam ist, oder ob ich mich mit ihr über ihr reiches Leben freuen soll. Auf unseren täglichen Spaziergängen bleiben wir immer kurz vor ihrem Haus stehen, doch sie ist nicht zu sehen.

am Gartentor

PS: Bin nächste Woche ohne PC auf Entdeckungsreise durch die Bretagne.

Eine einzige, grosse Baustelle

Sonntag, 9. Mai 2010

Ich habe das friedliche, kleine Fischerdörfchen bei meiner Ankunft fast nicht erkannt, die ganze Rue du Port war eine einzige Baustelle. Bagger, Lastwagen und Presslufthammer verursachten einen immensen Lärm und mir schien, das hat den Adrenalinausstoss der Autofahrer mächtig in die Höhe getrieben. Wenn sie endlich fahren konnten, drückten sie das Gaspedal so tief wie möglich und hinterliessen eine immense Staubwolke.

Dorfbaustelle

Tatezi, die leider immer noch Autos jagen möchte und zwar je grössere desto lieber, ist bei unserem ersten Spaziergang zur Bäckerei fast durchgedreht. Danach habe ich ihr und mir zuliebe die Gänge in den Dorfladen zeitlich so gelegt, dass wir bei Ebbe unterwegs waren und dem Strand entlang gehen konnten. Trotzdem musste ich irgendwie schmunzeln, als ich diese Baustelle zum ersten Mal sah. Wie im letzten Blogbeitrag geschrieben, bin ich ja jetzt hier, weil unser Haus an die Kanalisation angeschlossen werden soll. In Frankreich muss der Hauseigentümer die ganzen Arbeiten auf dem öffentlichen Grund bezahlen. Und ich fragte mich, ob die jetzt auf meine Kosten ihr ganzes Abwassersystem modernisierten? Dem ist natürlich nicht so, es ist bloss einer dieser Zufälle, dass gleichzeitig ziemlich viel gebaut wird.
Diese Woche ist der Bagger sogar bis in unseren Garten gekommen. Die Rohre mussten ja verlegt werden. Welch Wunder, Tatezi hat das ohne grosses Gebell akzeptiert, hat friedlich im Wohnzimmer geschlafen, während Monsieur Minon Erde und Steine verschob. Termingerecht sind wir an die Kanalisation angeschlossen worden und auch auf der Rue du Port gehen die Arbeiten dem Ende entgegen.

Bagger at work

Ob all der Bauerei habe ich total vergessen, dass Tatezi am 5. Mai ihren dritten Geburtstag hatte. Sie hat trotzdem einen schönen Tag gehabt, denn Monsieur Minon hat seinen Hund zur Arbeit mitgenommen und die beiden haben ausgiebig zusammen gespielt. Und auch ihr Essen war an diesem Tag speziell, haben wir uns doch zusammen etwas Lachs geteilt. Der krönende Abschluss für sie war aber bestimmt, dass sie einmal bei einem Bagger liegen durfte.

Tatezi und der Hund vom Baggerführer Tatezi liebt Bagger

Es ist gut, wie es ist

Sonntag, 2. Mai 2010

Haben Sie sich auch schon geärgert, weil Pläne geplatzt sind oder Termine abgesagt wurden und sich im Nachhinein über die gute Fügung des Schicksals gewundert? Meine Mutter hat immer gesagt: „Es ist gut, wie es ist, auch wenn wir oft erst im Nachhinein begreifen, warum etwas hat geschehen müssen.“ Anfang Februar bin ich bei widrigsten Strassenverhältnissen in die Bretagne gefahren, weil unser Häuschen endlich an die Kanalisation angeschlossen werden sollte. Am Tag nach meiner Ankunft habe ich wie abgemacht auf der Gemeindeverwaltung vorgesprochen, nur um zu erfahren, dass niemand abgeklärt hatte, wo die elektrischen Kabel verlaufen. Und da irgendwelche Ferien anstanden, hätte es einen Monat gedauert, bis man schlussendlich mit den Bauarbeiten hätte beginnen können.

Der diesjährige Februar war auch in der Bretagne kälter als üblich, nichts blühte und ausserdem war meine Hündin läufig. So beschloss ich zähneknirschend und fluchend nach zwei Tagen bereits wieder zurück zu fahren. Nochmals 1‘200 km, ab Paris ständig im Auto hörend: „Seien sie vorsichtig, die Fahrbahnen sind vereist.“ Zu Hause angekommen war ich total müde und frustriert. Ein paar Tage später ist meine Mutter schwer erkrankt und ich war froh, in ihrer Nähe zu sein, während ihren letzten Tagen an ihrer Seite sein zu dürfen.

Die Bauarbeiten haben wir auf Ende April verschoben und deswegen sind Tatezi und ich seit Dienstag wieder hier am Meer. Auch wenn der Bagger vor dem Haus meine Hündin am ersten Tag gewaltig geärgert hat, geniesst sie jetzt die lockere Zeit mit mir und die ausführlichen Spaziergänge den Klippen entlang. Und ich bin froh, diesmal im Frühling hier zu sein, wo alles blüht und die Temperatur angenehm ist.

Tatezi im Meer

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