Schreckliche Fantasien in einer Sturmnacht

31. Oktober 2010 von Christine

Seit zwei Tagen schon hat der Wind ohne Unterlass um das Haus geheult. Ich sass lesend vor einem Cheminéefeuer und habe der fast alle anderen Geräusche überdeckenden Lärmkulisse keine grosse Beachtung geschenkt. Nur kurz liess ich mich in meiner Lektüre durch ein offenbar sehr tief fliegendes Flugzeug stören, habe aber nicht weiter darauf geachtet.

Kurz nach 23 Uhr habe ich Tatezi noch einmal raus gelassen und traute meinen Ohren und Augen kaum. Auf der anderen Seite der Bucht waren lautstark mehrere grosse Fahrzeuge in Bewegung. Auf der schmalen Schotterstrasse, die als Zufahrt für eine Handvoll Häuser dient und als Sackgasse vor dem Wanderweg endet, der den Klippen entlang führt. Dort, wo man alle paar Monate einmal einem Auto begegnet. Da musste etwas passiert sein. Obwohl mir die Aussichtslosigkeit meines Vorhabens klar war, holte ich das Fernglas hervor und begann damit die tiefe Schwärze der Nacht zu durchstreifen, bis ich endlich auf die Scheinwerfer stiess. Natürlich total unscharf. Und trotzdem habe ich erkannt, dass ein grosser, roter Lastwagen dabei war. Ein Feuerwehrauto? Und ich machte Staub oder Rauch aus, vor einem rötlichen Hintergrund. Der Ort des Geschehens war zirka dort, wo ich im Sommer einen Schwatz am Gartentor mit einer alten Frau gehalten hatte. Diese Frau, die mir auf Anhieb so sympathisch gewesen ist, nach der wir auf jedem unserer Spaziergänge Ausschau halten, die ich aber seither nur noch einmal getroffen habe.

Nachts noch hingehen kam nicht in Frage, ich bin doch kein Gaffer. Und helfen hätte ich bei all den bereits anwesenden Profis eh kaum gekonnt. Also sind wir zu Bett gegangen. Nur liessen sich leider meine Gedanken nicht einfach so abstellen, sondern sie waren im Gegenteil äusserst fleissig im Suchen von möglichen Gründen für das Verkehrschaos auf dem Schotterweg. Hatte die alte Frau vergessen das Gas abzustellen und war deshalb Feuer ausgebrochen? Hatte sie eine Kerze angezündet und war dann eingeschlafen? Und plötzlich erinnerte ich mich auch wieder des früher am Abend wahrgenommenen Flugzeuges. Da ich wirklich nicht darauf geachtet hatte, wusste ich nicht einmal, ob es ein Flugzeug oder ein Helikopter gewesen war. War es ein Helikopter gewesen, der die schwerverletzte Frau holen gekommen ist um sie zu einer Spezialklinik zu fliegen? Oder war ein tief fliegendes Flugzeug halt eben wirklich zu tief geflogen und in den Hügel hinter den Klippen gekracht?

Der Schlaf in dieser Nacht war nicht besonders gut gewesen. Und am Morgen war mein erster Gang auf den Balkon, um bei Tageslicht zu sehen, was denn da letzte Nacht los gewesen war. Als ich das frisch abgeerntete Maisfeld sah, musste ich über mich selber und meine schreckliche Fantasie lachen. Nicht alle Franzosen scheinen also gegenwärtig immer wieder zu streiken, einige arbeiten offenbar auch nach 23 Uhr noch.

4 Kommentare zu „Schreckliche Fantasien in einer Sturmnacht“

  1. GZi sagt:

    Meine Güte, Christine, was für Alpträume bzw. schreckliche Gedanken und dann Gott sei Dank eine so harmlose Auflösung. Ich hoffe, es geht Dir gut in der Provence… und ihr erholt Euch gut vor Eurer langen Reise… bald ist es soweit… 10 Wochen sind schnell rum!

  2. Christine sagt:

    Liebe Gesa, Du machst mir Angst! Nur noch 10 Wochen… Wenn ich daran denke, was alles noch zu tun ist. Die Zeit vergeht rasend schnell. Wir sind übrigens in der Bretange 🙂 Christine

  3. GZi sagt:

    Oh, wie blöd von mir, das wusste ich doch…. ein bisschen mehr sollte ich mich konzentrieren *schäm* :rot:
    Wieso mach ich Dir Angst? Du hast Dir den Zeitrahmen ja selbst gesetzt 😉

  4. city4dogs sagt:

    Toller, interessanter gut geschriebener Artikel. Es war eine Freude ihn zu lesen.


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